„Vegetarisches Essen ist Christenpflicht“

Sozialethiker Kurt Remele über die Würde der Tiere

Der Mensch hat die Wahl – das ist für den Grazer Sozialethiker Kurt Remele das entscheidende Argument. Da es im 21. Jahrhundert fast überall auf der Welt möglich sei, sich auch fleischlos gesund zu ernähren, fordert er Christen zum Fleischverzicht auf. Denn nicht nur das Quälen, auch das mutwillige Töten von Tieren sei falsch. Schließlich sei sogar die Ernährung im biblischen Paradies eine vegane gewesen. Doch dann habe sich das Essen von Tieren gerade im christlichen Milieu im Wortsinne eingefleischt.

Hier ein interessantes Interview mit Sozialethiker Kurt Remele:

Frage: Herr Remele, gibt es in Zeiten von Flüchtlingskrise und weltweiten Hungersnöten nicht wichtigere Themen als die Würde des Tieres?

Remele: Natürlich kann man sagen, wenn Menschen im Meer ertrinken, ist das wichtiger als Tierschutz. Aber wir dürfen das Leid der einen nicht gegen das Leid der anderen ausspielen. Wenn wir Tiere grausam behandeln, schlägt das auch auf uns Menschen zurück.

Frage: Wie steht es weltweit um die Würde der Tiere?

Remele: Die nahezu auf der ganzen Erde verbreitete Massentierhaltung ist unmoralisch und unverständlich. Ich frage mich, wie wir mit leidensfähigen Geschöpfen so umgehen können. Und die Tierhaltung ist nur eins von vielen Beispielen: Auch Tierexperimente in Forschung und Medizin, der Missbrauch an Haustieren, Stierkampf und bestimmte Formen der Jagd verletzen die Würde der Tiere.

Frage: Hat die christliche Ethik in Bezug auf die Würde des Tieres so etwas wie einen „blinden Fleck“?

Remele: Ja, das kann man so sagen. Es gibt zwar schon im Alten Testament  tierfreundliche Stellen. Die Ernährung im Paradies – so ist es am Anfang des Buches Genesis beschrieben – war vegan. Leider hat sich in der Kirchengeschichte aber eine biblische Lesart durchgesetzt, die den Bibelsatz „Macht Euch die Erde untertan“ als Unterwerfungsauftrag interpretierte und folglich in Tieren nichts anderes als Gebrauchsgegenstände für den Menschen sah. Das Christentum ist durch Tiervergessenheit gekennzeichnet. Lange hat sich die christliche Ethik fast ausschließlich für den Menschen interessiert. Erst als die Philosophie Mitte der 1970er Jahre die Tierethik entdeckte, haben  Tiere auch Eingang in die Theologie gefunden, zunächst vor allem im anglo-amerikanischen Raum.

Frage: Sie sprechen in ihrem Buch von einem „vegetarisch-veganen Imperativ“. Müssen denn aus Ihrer Sicht alle Christen Vegetarier werden?

Remele: Man sollte das den Leuten nicht durch ein Kirchengebot vorschreiben. Aber ich bin schon der Meinung, dass es eigentlich Christenpflicht ist. Es ist ethisch besser, sich vegetarisch oder sogar vegan zu ernähren. Nicht nur das Quälen, auch das Töten von Tieren ist falsch, wenn ich mich auch auf anderem Wege gut und gesund ernähren kann.

Frage: Aber der Mensch ist doch nun mal auch ein Fleischfresser…

Remele: Nur für manche Tiere wie Löwen oder Katzen ist es aufgrund ihrer natürlichen Konstitution nötig, andere Tiere zu töten, um das Überleben zu sichern. Das gilt aber nicht für den Menschen. Er kann frei entscheiden. Ich kann mich wie ein Gorilla ernähren, der nur Pflanzen isst oder wie ein Löwe.

Frage: Sollte man also Menschen und Tiere ethisch auf eine Stufe stellen?

Remele: Um es mal in der Begrifflichkeit moderner Unternehmen auszudrücken: Die Hierarchien müssen wesentlich flacher werden. Wir sind bisher von einer Unterscheidung zwischen Mensch und Tier ausgegangen, die den naturwissenschaftlichen Befunden heute gar nicht mehr entspricht. Natürlich haben die Menschen erkenntnistheoretisch einen Vorsprung, den man als Vernunft bezeichnen kann. Aber diese Fähigkeit darf nicht dazu führen, dass wir andere Lebewesen unterdrücken. Im Unterschied zum Tier hat der Mensch die Fähigkeit, eine Ethik zu konzipieren und sollte diese Möglichkeit auch verantwortungsvoll nutzen.

Frage: Wie sieht es auf der praktischen Ebene aus – ist das Essen, das in katholischen Einrichtungen angeboten wird, ethisch vertretbar?

Remele: Das Ziel müsste ein vegetarisches oder veganes Angebot sein. Aber mir ist bewusst, dass sich im katholischen oder christlichen Milieu, wo sich das Essen von Tieren im wahrsten Sinne des Wortes eingefleischt hat, nicht von heute auf morgen etwas ändert. Es gibt viel Widerstand. Immerhin bieten einige Einrichtungen zunehmend eine vegetarische Alternative an. Ein weiterer Schritt wäre es, in Akademien, Bildungshäusern, Pfarrhäusern und Priesterseminaren nur noch Fleisch aus artgerechter Tierhaltung zu verarbeiten, also Biofleisch. Heute kommen in Deutschland und Österreich nur zwei Prozent des gesamten Fleischkonsums aus ökologischer Tierhaltung. Das ist leider auch in den kirchlichen Häusern nicht anders.

Frage: Muss sich die Kirche politisch stärker für den Tierschutz einsetzen und etwa strengere Tierschutzgesetze oder höhere Steuern auf Fleisch fordern?

Remele: Ja, das wäre eine Aufgabe von Bischöfen. Aber ich habe da keine große Hoffnung. Ich kenne genügend Oberhirten, um sagen zu können, dass ihnen der Tierschutz kein vorrangiges Anliegen ist. Aber mir ist es ein Anliegen. Und auch eine zunehmend größere Schar von evangelischen und katholischen Theologen beginnen, sich für das Thema zu interessieren. Hinzu kommen weitere Hoffnungsschimmer: So kritisiert etwa Desmond Tutu, der südafrikanische Erzbischof und Friedensnobelpreisträger, sehr vehement, dass sich Christen nicht ausreichend um Tierschutz kümmern.

Frage: Warum hat der Tierschutz in der katholischen Kirche offensichtlich keine Lobby?

Remele: Das Christentum ist in seiner Geschichte sehr menschenzentriert. Schon Augustinus und Thomas von Aquin haben die Lehre vertreten, dass Tiere nicht vernünftig und deswegen nicht Gegenstand der Moral sind. Wir hätten ihnen gegenüber keine Pflichten. Inzwischen nimmt man zur Kenntnis, dass auch diese Wesen Gefühle wie Schmerz und Freude empfinden. Und das ist das Entscheidende, nicht, ob Tiere denken, schreiben oder sprechen können wie wir.

Frage: Trotzdem scheint das Thema etwa bei den Deutschen Bischöfen nicht sehr hoch im Kurs zu stehen…

Remele: Ich habe in den 1990gern zwei Jahre am katholischen Sozialinstitut in Dortmund gearbeitet. Direktor war damals der spätere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. Während andere Theologen zu dieser Zeit wenig Verständnis dafür hatten, dass ich mich vegetarisch ernährte, hat er es akzeptiert. Gleichwohl glaube ich, dass ihm der Gedanke, auch so zu leben, sehr fern ist.

Quelle:  www.katholisch.de

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2 Kommentare zu “„Vegetarisches Essen ist Christenpflicht“

  1. Lieber Wolodja,

    Herr Remele ist ein gutmeinender Mensch, den ich bereits durch andere Artikel kennengelernt habe. Auch die Ansaetze vieler gutmeinender Christen gegenueber dem Tier sind sehr positiv zu werten, aber das Problem liegt eben tiefer – und zwar im ‚Buch der Buecher‘ selbst und dessen (Fehlinterpraetation) durch den entsprechenden offiziellen Klerus!

    Einesteils wird der im AT in der hebraeischen Ursprache gebrauchte Begriff ‚Ruach‘ faelschlicherweise als ‚Seele‘ interpraetiert und diese dann gleich im Nachfolgenden Zuge nur dem Menschen zugeordnet. Das hebraeische Wort ‚Ruach‘ steht fuer den ALLEM Leben innewohnenden Lebensodem, d.h. solange ein Lebewesen, ob Pflanze, Tier oder Mensch, also alle belebten Dinge Leben, sind sie vom Lebensodem bewohnt.

    Das Christentum spricht nun unsinnigerweise diesen ‚Lebensodem‘, ins Lateinische uebersetzt ‚Anima‘ – nur dem Menschen zu, obwohl das Wort ‚Animal‘ (Tier) genau dies heisst, naemlich beseeltes Wesen! Dazu kommt, dass Jeusus gemaess der vier Evangelien seine Saetze fast immer mit dem Anhaengsel ’seid ihr denn nicht viel mehr denn sie‘ (die Tiere) endet. Da an diesen vier Evangelien laufend und mit grossem Eifer immer und stets herumgepfuscht wurde, wissen wir aber nicht, ob diese Worte von Jesus tatsaechlich gesagt wurden, oder erst im Nachhinein beigefuegt wurden, um der altbekannten Profitgier der menschlichen Seele Nachdruck zu verschaffen und so die Ausbeutung der aussermenschlichen Kreatur zu rechtfertigen, die ja heute zur Zerstoerung dieses ganzen Planeten fuehrt und uns deutlich macht, dass diese ‚Heilige Schrift‘ sehr unheilsame Zuege in sich traegt und infolge dessen als katastrophale Irrlehre zu betrachten ist! Ich persoenlich tippe darauf, dass diese Worte eingefuegt wurden, zumal dieser Jesus in vielen apokryphen Schriften gaenzlich anders spricht!

    Dieser ganze Augias-Stall des NT hat dazu gefuehrt, dass heute bei einem Riesenanteil der Massen der primitive und besonders fuer niedere Maenner anzuegliche Koran hoch willkommen ist!

    Das ganze wird kein gutes Ende nehmen, das rieche ich von hier aus – und ich hoffe nur, dass, wenn dereinst der Ruf der Muezzins von den internationalen Minaretten erschallt, ich bereits mit den Muecken fliege….

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