Ich will aber nicht auf alles verzichten!

Von Armin Rohm

Eine häufige Erfahrung, die Veganer im Gespräch mit Fleischessern oder Vegetariern zum Thema ‚Konsum von Tierprodukten‘ machen, besteht darin, dass sie am Ende der Unterhaltung mindestens grundsätzliche Zustimmung zu ihren Argumenten ernten. Die (Massen-)Tierhaltung fügt beseelten, empfindsamen Geschöpfen entsetzliches Leid zu. Auch die katastrophalen ökologischen Folgen und die gesundheitlichen Risiken unserer Konsumgewohnheiten sind unübersehbar. Viele mitfühlende und mitdenkende Menschen räumen nach einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema durchaus ein, dass ‚man‘ angesichts dieses Wahnsinns eigentlich sofort aufhören sollte, Fleisch und Milchprodukte zu konsumieren. Eigentlich.

Anstatt jedoch jetzt neugierig zu erkunden, wie der Ausstieg aus dem Wahnsinn für sie ganz praktisch aussehen könnte, folgt meistens der finale Einwand: „Ich will aber nicht auf alles verzichten!“. Dieser Ja-aber-Reflex wird oftmals noch verstärkt durch die trotzige Zugabe: „Für mich hat Leben eben auch ganz viel mit Genuss zu tun.“ Für einen Veganer ist ein solches Statement am Ende eines bislang konstruktiven Gesprächs kaum erträglich, denn de facto erklärt ihm gerade jemand: „Ein paar Minuten Essvergnügen sind mir allemal wichtiger, als das gesamte Leben und Leiden eines fühlenden Lebewesens.“

Was veranlasst jemand, wider besseres Wissen hartnäckig an einer Gewohnheit festzuhalten, für deren Befriedigung andere mit ihrem Leben bezahlen müssen? Welches Vergnügen rechtfertigt einen derart hohen Preis?

Spurensuche:

Alle Menschen streben danach, sich konsistent zu den eigenen Werten zu verhalten. Hierzu gehört, dass wir im Alltag in Übereinstimmung mit unserem Moralempfinden agieren. Wir tun, was wir für richtig halten und unterlassen, was unseres Erachtens falsch ist. Wer beispielsweise die Überzeugung vertritt, dass der Mensch Verantwortung für das Wohl der Tiere trägt, wird darauf achten, dass er den Tieren durch sein Handeln kein vermeidbares Leid zufügt. Gleichzeitig streben wir in unserem Dasein nach Lustgewinn und Genuss einerseits bzw. Schmerz- oder Verlustvermeidung andererseits. Wir tun bevorzugt das, was uns Spaß macht und uns erfreut, und wir vermeiden tendenziell, was uns Mühe bereitet, Schmerzen verursacht oder uns einschränkt. Was uns in unserem Leben wichtig geworden ist (Besitz, Prestige, Kontakte, Konsumgewohnheiten, …) wollen wir nicht verlieren, insbesondere dann nicht, wenn uns die Alternativen nicht attraktiv oder unsicher erscheinen.

Wir können unterstellen, dass sowohl Nichtveganer als auch Veganer grundsätzlich bestrebt sind, moralisch zu handeln und gleichzeitig ihr Leben zu genießen. Dennoch gelangen sie zu höchst unterschiedlichen Bewertungen und Schlussfolgerungen, was den Konsum tierischer Produkte angeht, selbst dann, wenn sie sich im Gespräch über das Leid der Tiere, die ökologischen Folgen und gesundheitlichen Gefahren im Grundsatz einig sind.

Omnivoren assoziieren Veganismus in aller Regel mit dem herben Verlust liebgewonner Gewohnheiten. Sie kennen meistens nur ihre omnivore (oder eventuell auch vegetarische) Welt aus eigener Erfahrung. Was es bedeutet, vegan zu leben, glauben sie zwar zu wissen, tatsächlich sind es aber überwiegend nur Vermutungen und Vorurteile, die sie aus der veröffentlichten Meinung des gesellschaftlichen Mainstream destillieren. Sie betrachten das Thema Veganismus durch die Brille der eigenen Interessen. Menschen, die gewohnt sind, zum Frühstück Milchkaffee zu trinken, Müsli mit Milch oder Joghurt, und ein Honigbrot mit reichlich Butter zu essen, mittags in der Kantine wahlweise Fleisch, Fisch oder etwas Vegetarisches mit Käse überbacken oder mit Sahnesoße zu bestellen, sich abends Wurst- oder Käsebrote zu streichen, fragen sich zwangsläufig: „Wenn ich das alles nicht mehr essen ‚darf‘, was kann ich dann überhaupt noch essen?“

Ihnen erscheint ein veganes Leben als maximal spaßbefreiter Lebensentwurf, weil sie sich zwar sehr genau vorstellen können, was ihnen alles fehlen würde, sie aber keine Idee und erst recht keine praktische Erfahrung haben, was stattdessen ihr Leben eventuell sogar bereichern könnte. Auch wenn sie einräumen, dass eine vegane Lebensweise ‚eigentlich‘ die moralisch richtige Entscheidung wäre, ist ihre Verlustaversion in ihrem Denken so dominant, dass sie ihr Leben lieber (noch) nicht verändern. Das fällt ihnen schon deshalb leicht, weil die anderen Menschen in ihrer Umgebung das ja überwiegend auch nicht tun. In einer Gesellschaft, die Konsum und Vergnügen als zentrale Lebensinhalte idealisiert, hat die Moral kaum eine Chance, wenn sie vermeintlich mit dem Lustprinzip kollidiert. Es lassen sich immer irgendwelche sozial anerkannte Rechtfertigungen für fragwürdiges Verhalten finden. Unsere ‚Ich-will-alles-immer-und-sofort-Mentalität‘ akzeptiert überaus großzügig sogar „Es schmeckt einfach so lecker“ als hinreichende Legitimation für Tierquälerei.

Diejenigen Menschen die sich trotz der mentalen Hürden für eine vegane Lebensweise entscheiden, tun dies meist, weil sie in ihren Betrachtungen der Thematik einfach einen Schritt weiter gegangen sind. Anstatt sich nur darüber zu unterhalten, was ‚eigentlich‘ richtig wäre, sind sie Zeuge des Grauens geworden. Sie haben das Unrecht und entsetzliche Leid in den Tierfabriken und Schlachthöfen an sich herangelassen, indem sie Artikel und Bücher jenseits des Mainstream gelesen, Videos geschaut, sich mit Tierrechtlern unterhalten haben. Sie haben ihre Herzen geöffnet und begonnen, die Thematik aus dem Blickwinkel der Opfer zu sehen. Angesichts des Ausmaßes der Tragödie ist ihnen längst klar: Veganer verzichten nicht, Veganer lehnen ab. Das sind zwei völlig verschiedene Qualitäten individueller Selbststeuerung. Verzicht bedeutet meist Entbehrung. Ich unterlasse es, etwas zu tun, was ich sehr gerne tun würde, weil ich es unterlassen muss – entweder weil ich mir das selbst auferlegt habe, oder weil andere es von mir erwarten.

Verzichten kann ich nur auf etwas, wozu ich grundsätzlich berechtigt bin. Jemand, der schon einige Zeit vegan lebt, kommt aber gar nicht mehr auf die Idee, dass er eventuell berechtigt sein könnte, wehrlose Tiere einzusperren, sie zu mästen, ihnen am Ende ihres kurzen Lebens die Kehle aufzuschlitzen und sich ‚genüsslich‘ ihren Leichnam einzuverleiben. Solche Überlegungen erscheinen ihm zynisch, pervers und absurd. Jegliche Ausbeutung von Tieren entschieden abzulehnen, ist ein kraftvoller Ausdruck von Selbstbestimmung. Es bedeutet, etwas nicht zu tun, weil ich es für falsch halte und ich es nicht tun will, obwohl das Verhalten vielleicht gesellschaftlich durchaus üblich ist. Ich treffe eine bewusste Wahl, handle in Übereinstimmung mit meinen Werten und erlebe das jederzeit als Bereicherung meines Lebens.

Hinzu kommt, dass Veganer die vegane Welt ja inzwischen aus eigener Erfahrung kennen. Weil sie zuvor meist selbst Fleischesser oder Vegetarier (oder beides) waren, können sie die Welten realistisch vergleichen. Sie wissen jetzt, dass die Sorge, man müsse auf Genuss verzichten, völlig unbegründet ist, denn das genaue Gegenteil ist der Fall. Die vegane Küche ist vielfältig, lecker, kreativ und gesund. Es ist das pure Vergnügen, in diese faszinierende Welt einzutauchen. Es gibt hunderte von inspirierenden Kochbüchern, spannenden Blogs und Internetforen zu diesem Thema. Wer sich ausgewogen vegan ernährt, fühlt sich schon nach kurzer Zeit psychisch und physich fitter als je zuvor.

Wenn Sie zu den Menschen gehören, die beunruhigt sind, über das Leid, das wir den Tieren zufügen, wenn sie sich mitverantwortlich fühlen für den Zustand der Welt, die wir unseren Kindern hinterlassen, dann ermuntere ich Sie: Lassen Sie sich auf das Thema ein, und machen Sie Ihre eigenen Erfahrungen. Informieren Sie sich gründlich und unabhängig über die Hintergründe und Auswirkungen der Ausbeutung der Tiere durch den Menschen, und/oder leben Sie einfach mal ganz bewusst ein paar Monate vegan.

Armin Rohm

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4 Kommentare zu “Ich will aber nicht auf alles verzichten!

  1. Sehr guter Artikel von Armin Rohm! Meine persoenliche Erfahrung zur Sache: die meisten Leute, mit denen ich darueber rede, haben Angst krank zu werden, wenn sie ihre Essgewohnheiten umstellen, ohne zu beachten, dass viele von ihnen bereits krank sind, gerade wegen ihren karnivoren Essgewohnheiten! Hier sollte sehr viel mehr Medienarbeit geleistet werden. Diese verzichten natuerlich auf eine verantwortungsvolle Aufklaerung, weil ihre Drahtzieher aus der ganzen Qualindustrie ihren Nutzen ziehen und diese Leidenskette ist lang, denn wenn die Leute erst mal krank sind, kommt die chemische Industrie ebenfalls voll auf ihre Kosten, denn so manchen Schreibtischtaeter findet man sowohl an oberster Stelle in den Gremien der Schlachtindustrie, den Versicherungen, Banken und der chemischen Industrie! Sein Onkel oder Schwager ist dann noch Chefarzt an irgendeiner Klinik und hebt mahnend den Zeigefinger, dass eine vegane Ernaehrung zu Mangelerscheinungen fuehre (ein hypothetisches Fanal, welches ganz besonders in den Hohlkoepfen der Fleischbaeuche herumspukt, auch jenen des Schweizer Militaers, wo Veganer als dienstuntauglich gelten), ohne miteinzukalkulieren, dass ein eventueller Mangel aufgrund der tierproduktefreien Ernaehrung tausendmal weniger schaedlich und toedlich ist, als die Folgen der Konsumierung von Tierprodukten, welche irreversible Schaeden und Erkrankungen hervorruft wie Krebs, Herz-Kreislaufprobleme, Alzheimer, Zuckerkrankheit, Multiple Sklerose, Asthma u.a. mehr! Ein uebersteigerter Fleischkonsum ueber Generationen hinweg fuehrt auch zu Koerperschaeden und Kretinismus, wie am Beispiele Frankreichs ganz klar offenliegt, denn hier hat man jederzeit das Gefuehl, dass sich eben ein riesiges Irrenhaus entleerte und dessen zweibeiniger Inhalt durch alle Gassen ergiesst!

  2. Das ist ein toller Text, den ich gerne an einige Bekannte weiterleiten werde….
    Siraganda: [wie am Beispiele Frankreichs ganz klar offenliegt, denn hier hat man jederzeit das Gefuehl, dass sich eben ein riesiges Irrenhaus entleerte und dessen zweibeiniger Inhalt durch alle Gassen ergiesst!]…….
    Trotz des ernsten Themas musste ich über diese Formulierung herzhaft lachen. Wunderbar!

    • Lieber Michael-B,

      es freut mich, dass meine Formulierung Dich zum Lachen bringen konnte! Dies ist ja ab und zu von mir nicht ganz unbeabsichtigt! Denn trotz der schrecklichen allgemeinen Weltsituation sollten wir doch versuchen, uns ab und an ein kleines Laecheln in Reserve zu halten! Oft bin ich aber hin- und hergezogen zwischen Humor und Zynismus, wenn die Situation besonders drueckend auf uns Tierschuetzer hereinbricht! Wir leben in einer furchtbaren Welt und in einer furchtbaren Zeit (das war sie wahrscheinlich immer) und wenn wir uns gegenseitig ein wenig Waerme senden, geben wir uns gegenseitig Mut und Kraft, so wie Deine Zeilen!

      Liebe Gruesse an Dich, Wolodja und alle Freunde von Siraganda – gemeinsam sind wir stark, bis alle Kaefige leer sind

  3. Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen. Ein sehr guter Text, den ich weiter verbreiten werde. Liebe Siraganda, Du hast wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen. Du spricht mir so oft aus dem Herzen, ich kann dem eigentlich nichts mehr hinzufügen. Wir müssen uns gegenseitig helfen, aufrichten und uns Mut zusprechen.
    Liebe Grüße
    Elke

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