Redebeitrag von Daniela Böhm am 23. April 2016 in München gegen Tierversuche

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Anlässlich des Tages zur Abschaffung der Tierversuche:

Das Elend der Tiere beginnt dort, wo der Mensch einen Unterschied zwischen ihrer Leidensfähigkeit und der seinen macht. Der Speziesismus bestimmt sein Handeln und genauso bedingt sein den Tieren auferlegter Rassismus oft genug ihr Schicksal. Denn innerhalb der Tierwelt klassifiziert der Mensch und unterteilt in höher und niedriger, mehr wert oder weniger, nutzbringend oder nicht. Straßenhund oder Rassehund, Haustier oder Nutztier.

Den Rauhaardackel kann man neben dem bayerischen Löwen als das tierische Maskottchen der Landeshauptstadt bezeichnen. Schon oft habe ich mich gefragt, was wäre, wenn in der Tierversuchshochburg München statt unzähliger anonymer Mäuse, Ratten, Kaninchen oder Schweinen, auf einmal nur noch Rauhaardackel in sterilen Laboren und engen Käfigen sitzen würden? Wie würden die Menschen reagieren, wenn sie erfahren würden, dass mitten in München hinter so manch dicker Mauer Zigtausend Rauhaardackel in entsetzlichen Versuchen gequält oder zu Tode gefoltert werden? Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen auf die Straße gehen würden, nicht nur hundert oder zweihundert – nein – halb München wäre auf den Beinen, um gegen diese Grausamkeiten zu demonstrieren. Aber es geht ja nur um Mäuse, Ratten oder Kaninchen – keine Tiere, die mit dem bayerischen Rauhaardackelstatus mithalten könnten.

Gesunde Tiere werden krank gemacht, um Pharmazeutika zu erforschen, die den Menschen gesund machen sollen. Grundlagenforschung wird mit furchtbaren Experimenten an hilflosen Wesen betrieben, die der Mensch in seinen todbringenden Dienst zwingt. Es ist komplett absurd. Tierversuchsforschung ist absurd, grausam und ethisch nicht vertretbar.

Was kann uns wirklich gesund werden lassen, wirklich heil machen? Kein menschlicher Organismus gleicht dem anderen. Schon allein deshalb, weil Lebensumstände, Gewohnheiten, genetische Veranlagungen, Umwelteinflüsse, Erfahrungen, die Psyche etc. jeden Organismus prägen. Jede Entstehung von Krankheiten beim Menschen hat vielschichtige Ursachen, kein Mensch ist wie der andere, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Wie kann das Verhalten von Tieren also auf den Menschen übertragbar sein und ihre Reaktionen aussagekräftig genug, um einen wirklichen Heilungsprozess beim Menschen durch ein bestimmtes Mittel vorherzusagen?

Die Gräueltaten des Dr. Mengele und anderer Ärzte während des Nationalsozialismus sind hinlänglich bekannt und so furchtbar, dass man am liebsten nichts davon lesen oder wissen wollte. Ein Horrorfilm, der in der Wirklichkeit stattgefunden hat, ein Kapitel des düstersten Kapitel deutscher Geschichtsschreibung. Nein, ich möchte dieses Grauen, das Ausmaß dieses Grauens, dieser Tragödie, nicht vergleichen und habe die größte Anteilnahme und Trauer für die Opfer.

Aber ich stelle die Frage nach der Leidensfähigkeit. Was ist mit der Leidensfähigkeit anderer Wesen, denen man grauenvolle Experimente im Namen einer vermeintlichen Wissenschaft antut? Ist sie beim Tier anders als beim Menschen? Ist die Todesangst eine andere? Das Empfinden von Schmerz, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Hunger oder Durst?

Die tierexperimentelle Forschung liest sich wie ein Sammelsurium aus einem Gruselroman. Mäuse müssen beispielsweise für die Erforschung von Depressionen bis zur Erschöpfung schwimmen oder werden mit Elektroschocks so lange malträtiert, bis jeglicher Wille gebrochen ist. Ein Ulmer Wissenschaftler hat zwanzig Jahre lang Skorpione in den Weltraum geschickt, festgetuckert auf einer Platte, um den Einfluss der Schwerkraft auf die Tiere zu untersuchen. Jungen Ratten wurde Alkohol in die Bauchhöhle injiziert, um zu beweisen, dass Alkohol für Jugendliche schädlich ist. Sind derartige Foltermethoden in irgendeiner Weise zu rechtfertigen?

Wenn man sich mit der unendlich langen Liste der Tierversuche beschäftig, bleibt nur das blanke Entsetzen über Ärzte und Wissenschaftler zurück, die Qual, Folter und Tod billigen und im Namen derer gutheißen, die krank sind. Oder eben um des eigenen Ruhmes willen. Es ist eine bittere und traurige Wahrheit, dass Tierversuche in wissenschaftlichen Kreisen immer noch anerkannt sind und Veröffentlichungen in Fachzeitschriften unter Bezugnahme dieser, einen wichtigen Meilenstein auf der Karriereleiter eines Wissenschaftlers bedeuten. Die tierversuchsfreie Forschung ist – wenn auch langsam – auf dem Vormarsch. Sie wird jedoch von Pharmakonzernen und der Politik noch viel zu wenig unterstützt und vorangetrieben.

Wenn Tiere mit uns kommunizieren könnten, wenn wir sie wirklich verstehen könnten, was würden wir ihnen antworten auf die Frage, warum sie so viel unsägliches Leid durch den Menschen erdulden müssen? Hat der Mensch das Recht, sich über andere Wesen auf diesem Planeten zu stellen? Rechtfertigen die Unterschiede zwischen Mensch und Tier, das Anderssein, sowie die Tatsache, dass Tiere nicht reden können oder das gleiche Bewusstsein haben, die Leiden, die er ihnen zufügt? Rechtfertigt es Ausbeutung, Tod, Missbrauch, Qualen und Folter? Soll das die Rechtfertigung für Tierversuche sein?

Es ist eine kalte, vom anthropozentrischen Denken geprägte Rechtfertigung. Sie ist ohne Herz und Gefühl, sie stellt den Menschen als Alleinherrscher und das Maß aller Dinge in den Mittelpunkt und vergisst jene, die schon lange vor ihm da waren und ohne die er nicht leben könnte, weil sie das Gleichgewicht der Erde halten.

Aber der Mensch tut alles, um dieses Gleichgewicht zu zerstören, er vergiftet die Luft und die Böden, er rottet die Tiere aus, er produziert Nahrungsmittel, die seiner Gesundheit schaden, er verschmutzt die Flüsse und Meere und fischt sie leer, er produziert und tötet Tiere wie eine Massenware am Fließband und lebt nicht seiner Natur gemäß und im Einklang mit der Erde und den Tieren. Und dann wird er krank, bekommt alle möglichen sogenannten Zivilisationskrankheiten und ohne sich zu fragen warum, möchte er eine Wunderpille, für welche die Tiere in Versuchen leiden und sterben müssen.

Respekt ist ein Wort, das heutzutage an vielen Ecken und Enden fehlt. Respekt zwischen den Menschen, Respekt gegenüber der Erde und Respekt für die Tiere. Respekt hat mit Achtung zu tun. Die Achtung gegenüber diesem vielfältigen, wundersamen und wunderbaren Leben, das uns umgibt, haben viele Menschen verlernt. Und sie fehlt vor allem bei dem Wissenschaftler, der Ratten quält und ebenso bei dem Vorstandsmitglied eines Pharmakonzerns.

All die Qualen der Tiere werden erst ein Ende finden, wenn der Mensch seinen anthropozentrischen Herrschaftsanspruch aufgibt und Tiere als Mitlebewesen auf diesem Planeten respektiert. Wenn er sein Herz öffnet, für ihre Bedürfnisse, wenn er erkennt, dass jedes Wesen auf dieser Erde, das gleiche Recht auf ein Leben hat, welches seiner Natur entspricht.

Copyright 2016 (c) Daniela Böhm

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5 Kommentare zu “Redebeitrag von Daniela Böhm am 23. April 2016 in München gegen Tierversuche

  1. Wieder eine sehr gute Rede von Daniela Böhm, die sich unermüdlich für die Tiere einsetzt. Sie hat meine vollste Bewunderung, so wie viele Andere auch, die sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen unserer Mitlebewesen stark machen. Ihnen und Euch Allen ein herzliches Dankeschön.

    • Liebe Elke,
      deinen Worten kann ich mich nur anschließen.
      Tierversuche sind so verwerflich wie kaum etwas anderes!

  2. Meines Wissens sind bis heute Tierversuche an Rauhaardackeln nicht verboten! Der einzige, welcher bis heute Sonderstatus geniesst, ist der Schimpanse! Falls ein Tier einer anderen Spezies zur Verfuegung steht, so ist dieses zu vivisezieren, Resultat der ‚Great Ape Protection Act‘ von Peter Singer, eine schreiende Ungerechtigkeit, welche den Tierschutz um Jahrzehnte zurueckwirft! Die gemeinste Form der Sabotage, eine Spezies gegen eine andere auszuspielen! Die Gegenueberstellung Hund – Schwein oder Ratte wuerde ich nicht waehlen, sondern Schimpanse gegen den Rest der Welt! So sieht das Schlamassel aus! Der Hund hat keinen Vorteil vor anderen Tieren – von der Schweiz bis nach China wird dieser treueste Begleiter des Menschen fleissig gemartert und gefressen – wenn’s einer nicht glaubt, kann er mal am Mittwoch Morgen bei der Uni Zuerich auflauern, wo die gestohlenen Labradors, Setter, Deutschen Schaefer und andere Rassehunde zur Vivisektion per Camion angeliefert werden! Ein paar Rauhaardackel wird’s Auch noch darunter haben, denn nobel soll die Welt zugrunde gehen. In Tierauffangstationen findet man alles, vom Krokodil, zum Papagei bis zum Rennpferd! Eine guetige Dame in Hollywood hat ueber 50 Yorkshire Terriers, aber nicht etwa, weil sie die gekauft hat, sondern das sind all jene Luxushunde, welche von dummen Leuten angeschafft wurden, die sie anschliessend nicht halten wollten oder konnten! Der Hund hat keinen Vorteil vor anderen Tieren, dieser Irrtum muss ausgeraeumt werden, ein fuer allemal!

    • Liebe Siraganda,
      danke für Deinen Kommentar zur Rede von Daniela Böhm, der aber nichts daran ändert, dass D. Böhm dennoch die Fakten beim Namen nennt, denn der Protest des Menschen gegen tierquälerische Versuche schlägt meist mit doppelter Wucht zu Boden, sobald irgendwelche und sogenannte „Lieblingstiere“ des Menschen die Opfer gewissenloser Vivisektoren sind. Werden jedoch Mäuse, Ratten und andere Tiere in den Versuchslaboren zu Tode gequält, dann ist der Aufschrei weniger groß und dieses Schubladen-Denken der Spezies Mensch wird meines Erachtens nach klar und deutlich von D. Böhm unter Anklage gestellt. Und in diesem Sinne wird es Daniela auch sicherlich niemals gutheißen, das lediglich der Schimpanse in der Tierversuchsforschung eine Sonderstellung genießt, sondern dieses schizophrene Denken und Handeln ebenso verurteilen wie Du und viele andere tierliebende Tierrechtsaktivisten auch.
      MfG – Wolodja

      • Ja, lieber Wolodja, da triffst Du den Nagel auf den Kopf! Speziesismus muss in jeder Form bekaempft werden! Ich hoffe Auch, dass Peta, welche ich sonst ueber alles schaetze, hier mitliest, denn sieh mal das obere Foto mit den Kleinaffen! Peta gehoert Auch zu den Unterstuetzern dieser ‚Great Ape Protection Act‘! Warum jammern sie denn, sie haetten halt den Mut oder die Unterscheidungsgabe haben sollen und verkuenden, dass sie solch speziesistische Aktionen nicht gutheissen, und schon gar nicht unterstuetzen! Peter Singer und seine Ideen waren gut vor vierzig Jahren, aber heute muss Auch er umdenken, denn es gehoert in etwa noch in sein Repertoire, dass er meint, nur Wirbeltiere seien zu schuetzen! Somit waere der Oktopus vom Schutze ausgeschlossen! Der Oktopus ist eines der intelligentesten und faszinierendsten Tiere der Welt (siehe meinen Beitrag ueber die Spezialisten) Heute ist Peter Singer aber mit an Bord von grossen Unternehmungen, welche zeigen, dass er inzwischen anders denkt, aber seine Adepten koennen offenbar nicht Schritt halten mit ihm – und hier muss man immer wieder mahnen und treiben, denn wie es uns Tierschuetzer das hoechste Anliegen ist: der Schutz gebuehrt ALLEN Tieren unter der Sonne, ohne jegliche Ausnahme! Uebrigens hatte bei dieser ‚Great Ape‘ Aktion Auch Gary Francione mitunterzeichnet, aber den Fehler rechtzeitig erkannt und die entsprechenden Konsequenzen gezogen! Heute kaempft er zusammen mit Peter Singer in neuen Projekten, welchen wir in unserer Vortragsreihe noch begegnen werden! Somit waere dann Auch Peter Singer wieder dort, wo er sein soll: beim Schutz aller Tiere, ohne Ausnahme!

        Inzwischen ganz liebe Gruesse an Dich von Deiner Siraganda im Tierschutz

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