Siraganda: Wer hat denn an der Uhr gedreht (3)


Fortsetzung meiner Jugenderinnerungen und den Anfaengen meiner Tierschutz-Aktivitaeten

Menschen, welche nicht wuenschen, dass alle Lebewesen ein friedliches, erfuelltes Leben haben – und bezueglich dieses Themas gedankenlos in den Tag hineinleben, sind keine fuehlenden Wesen! Diese Erkenntnis schrieb ich mir schon als heranwachsender Teenager hinter die Ohren! Und dann, als ich ca. 16 Jahre alt war, liess der naechste Tierqual-Horror nicht lange auf sich warten! Ich hatte schulfrei und sass noch mit meinen Eltern am Tisch (damals assen wir noch Fleisch), als uns war, von irgendwoher einen eigenartigen qualvollen Schrei zu hoeren und etwa fuenf Minuten spaeter klopfte es heftig an die Tuer. Meine Mutter und ich gingen gleichzeitig hin und oeffneten. Da stand die Nachbarsfrau, schreiend und traenenueberstroemt und fuchtelte mit den Haenden: ‚Der Italiener und der Vorarbeiter im Neubau drueben haben soeben einen deutschen Schaeferhund totgeschlagen zum fressen, jetzt ist er drueben aufgehaengt‘.

Wir rannten auf die Strasse und ich schrie den Namen des Italieners (meine Mutter hatte ihm bis anhin die Waesche gewaschen, dafuer stahl er die Pflaumen von unserem Gartenbaum, wir sahen ihn, wie er sich im Morgengrauen aus unserem Garten davonstahl, beschwerten uns aber nicht darueber)! Der kam grossgekotzt mit dem Schweizer Vorarbeiter hinter der Ecke hervor und laechelte, das Tierchen haette ueberhaupt nicht gelitten! Das waren die gleichen, welche die bluehenden Baeume in Flammen setzten, um Platz zu machen zum haeuseln. Ich schrie ihn an, wie ich noch nie in meinem Leben geschriehen hatte (heute wuerde ich was anderes tun!!!!!!!!!!!!!!!!!) und wir jagten die beiden mit Schimpf und Schande davon, immer hinterherlaufend!

Sehr interessant: in der Schule wurde ich frueher immer geplagt, weil ich Italienerin war, meine ganze Schulzeit war ein Martyrium, im Naehunterricht wurde ich mit Nadeln gestochen, einem italienischen Jungen wurde das Gesicht in einen Misthaufen gestossen, ich kam ihm zuhilfe, worauf die ganze Bande zu uns nach Hause kam, Steine an die Fenster warf und schrie: Tierlifresser! Ja so wurde ich einst in der Schule genannt: Tierlifresserin, obwohl alle anderen Schweizer Kinder bei sich zu Hause Fleisch auf dem Teller hatten! Aber die Italiener machten sich an die Schwaene ran, die auf den Seen schwammen und frassen offenbar Hunde! Nicht zu vergessen, der eine war Schweizer – und gewisse Schweizer, das ist bekannt, fressen bis heute noch Hunde und Katzen!

Aber damals lernte ich, was Rassismus ist, naemlich die Fehler und Eigenschaften von einzelnen Individuen zu pauschalisieren und allen Vertretern einer Volksgemeinschaft anzuhaengen, denn dann ist meistens der eine Unschuldige unter den anderen hundert das Opfer, dem man Unrecht tut! Und ausserdem, wer ass denn damals kein Fleisch – niemand! Ich rannte dann von Pontius zu Pilatus, um mich zu erkundigen, wie gegen die beiden Monster vorgegangen werden koenne – und es gab absolut keine Anlaufstelle! Die Polizei meinte, wenn wir das eventuell nachweisen koennten, muesste der Chef der Bauunternehmung im besten Falle Fr. 20.- Busse bezahlen, aber sonst absolut nichts! Es gab ja noch gar keinen Tierschutz, keinen Tierschutzbund, keine Peta, keine NetAP etc.

Die naechste Tiermisshandlung liess nicht lange auf sich warten. Am Bahnhof wurden Schlachttiere verladen, geschlagen und brutal getreten, ich sah Kuehe mit abgebrochenen Hoernern. Ich schrie die Leute auf dem Bahnhofplatz an, worauf die zurueckschrien, ich solle verschwinden nach Hause. Ich sah dies aber spaeter nicht mehr, denn andere Leute regten sich auch auf – und nur wenige Tage spaeter kaufte ich am Bahnhofkiosk ein italienisches Heftchen, worin eine grosse farbige Reportage ueber die Misshandlung von Schlachttieren war. Zu Hause zeigte ich dies meinen Eltern und da tauchte das ganz allererste Mal die Idee auf, sich des Fleischessens zu enthalten! Aber der Aufruhr, den meine wohlbegreiflichen Wutausbrueche gegenueber den beiden Hundemoerdern ausloeste, rief unseren Dorfpfarrer auf den Plan, der ungefaehr zur gleichen Zeit, als sich all dies in geballter Form zutrug, bei uns einfand, um zu vermitteln.

Ich war damals ca. 16 Jahre alt und nun begannen meine jahrelangen Endlosdebatten mit diesem katholischen Priester, den wir eigentlich schon das erste Mal haetten rauswerfen sollen. Meine Mutter bekochte ihn eifrig mit Fleisch, und der sachte aufgekeimte Vegetarismus-Gedanke lag einstweilen begraben im Keller! Dieses unfruchtbare Seilziehen zwischen dem Schwarzrock und mir bezueglich des Themas Tier zog sich endlos dahin, bis ich ihm eines Tages die Meinung sagte und wir alle zusammen, mein Vater, meine Mutter und ich ankuendigten, aus der Kirche auszutreten und den Dialog abzubrechen. Ich war inzwischen ob der vielen schrecklichen Ereignisse traumatisiert und war ca. 21 Jahre alt. Alsbald fand ich eine Stelle in Zuerich und liess mich dort nieder – und nun nahm mein Leben eine unerwartete Wende…

Meine Kollegin, mit welcher ich das Buero teilte, war die Schwester der Sekretaerin von Hans Ruesch, dem grossen Tierschuetzer und Gruender des CIVIS Schweiz, welcher erstmals die unerhoerten Grausamkeiten und Nutzlosigkeiten, welche sich hinter den verschlossenen Labortueren zutragen, ans Licht brachte mit seinem Buch ‚Die nackte Herrscherin, die Entschleierung der medizinischen Wissenschaft‘, wofuer er jahrelang weltweit in den Archiven herumstoeberte und diese ganze Arbeit und das damit verbundene taegliche Elend auf sich nahm, denn er hatte Einsicht in jene Abgruende, welche wir doch im Alltagsleben nur allzu gerne von uns weisen, weil wir sie gar nicht ertragen koennten. Sehr bald lud mich meine Buerokollegin zu ihrer Schwester nach Hause ein – und so wurde ich das erste Mal bekannt gemacht mit dem Tierschutz und Vegetarismus, welchen ich sofort willkommen hiess, ohne lange Umschweife – und meine Eltern schlossen sich bedingungslos an! Es begann eine sehr aktive stuermische Zeit und ich erlebte die Geburt der ersten Tierschutzvereine in der Schweiz mit allen Hoehen und Tiefen, die man sich denken kann!

Da gehoerten tumultartige Demos genauso dazu, wie Flugblattverteilung von Haus zu Haus, das Freikaufen von Tieren aus diversen tierquaelerischen Haltungen, Demos im Kinderzoo Rapperswil gegen das Delphinarium, oder gewisse Undercover-Arbeiten und in diese Richtung gehende Taetigkeiten, welche ich hier nicht weiter ausfuehren will, denn sie gehoeren in die Geheimecke des Tierschutzes und dort sollen sie bleiben. Auch erlebte ich die allererste Anti-Stierkampfdemo in Barcelona, wo wir von der spanischen Polizei und den Aficionados zusammengeschlagen wurden. Ein Foto von mir aus jener Zeit findet sich in der ersten Tonbildschau gegen die Corrida. Wir zogen mit Trillerpfeifen durch die Strassen Barcelonas bis vor die Tore der Stierkampfarena, wo sich dann eine Wueste Szene entwickelte, die ich nie mehr vergesse, aber ein Tierschutz-Freund sagte mir: Heute sind wir 500, naechstes Jahr werden wir 5’000 sein! Und so kam es – und heute sind die Stierkaempfe in Catalonien abgeschafft und verboten. Unser Leiden war also nicht umsonst.


Anmerkung von Wolodja: Einige der nachfolgend eingefügten Bilder und Fotos sind leider von keiner besonders guten Qualität. Dennoch aber haben sie in diesem neuen Beitrag von Siraganda ihren erforderlichen und notwendigen Platz, da sie Zeugnis von Siragandas früheren Tierschutzaktivitäten ablegen und nachweisen. Zugleich beinhaltet dieser neue Beitrag von Tierfreundin Siraganda auch die Fortsetzung ihres Beitrages vom 21. Februar 2016: „Über Erlebnisse, die meine Jugend prägten“

Und eines Tages war es dann soweit: ich lernte Franz Weber kennen und wie er seine Initiative gegen die Tierversuche lancierte! Dies war 1985. Ich meinerseits schlug vor, die Welt der Promis fuer unsere Sache zu mobilisieren – und sie kamen! Sehr viele, nicht nur aus der Schweiz, sondern aus allen moeglichen Laendern, so wie etwa Marion Bienes aus Israel.

Ich lernte grosse Persoenlichkeiten kennen, wie etwa Will Quadflieg, Dr. Werner Hartinger, Monsignore Betzwieser, Ines Torelli, Nella Martinetti, die damaligen Tagesschau-Sprecher Paul Spahn und Leon Huber, Eugen Drewermann, Barbara Hendricks, Toni Vescoli, Frau Dr. Milli Schaer-Manzoli, Dr. Paul Guenther, Barbara Ruetting oder Mario Adorf! Mein innigster Dank geht an alle von ihnen, denn jeder hat seine ganz persoenliche Note beigetragen, um den gequaelten Tieren zu helfen!

Achtung: die nachfolgenden Fotos sind leider in einem sehr schlechtem Zustand, denn ich fotografierte sie von alten Fotos ab, um Euch zu zeigen und zu belegen,  was ich damals im Tierschutz u.a. so machte. Trotz der schlechten Bildqualität sind sie ein wichtiges Zeugnis aus der Vergangenheit, welches ich nicht missen moechte.


Und bezueglich der Spezialisten im Tierreich waehle ich heute ganz bewusst ein Tierschutz-Video, welches uns Ingrid Newkirk waehrend eines Vortrages in Palaestina zeigt: Titel: Frieden schliesst auch Tiere ein! Sie gruendete Peta zur selben Zeit, in welcher ich in Zuerich meinen Kampf fuer die Tiere bestritt und damals wusste ich noch nichts von ihr! Umso mehr freut es mich, sie heute in diesem wunderschoenen Video hier vorzufuehren, denn wir Menschen sind ja auch eine Spezies aus dem Reich der Tiere und schliessen uns mit ein – und nicht aus!

Frieden schließt auch Tiere ein
Die ergreifende Rede der PETA-Vorsitzenden Ingrid E. Newkirk
auf der Internationalen Friedens-konferenz in Bethlehem im Dezember 2005:

Und abschließend noch ein Video mit dem Titel: Los Veganeros
Der Trailer zum ersten Spielfilm ueber Veganismus und Tierschutz:

Liebe Grüsse – Eure Siraganda

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4 Kommentare zu “Siraganda: Wer hat denn an der Uhr gedreht (3)

  1. Lieber Wolodja,

    da kommen all die vielen Erinnerungen wieder hoch, und die Vergangenheit zieht wie ein Film an mir vorueber! Hab innigsten Dank fuer Deine ueber alles geschaetzte Zusammenarbeit und Solidaritaet, damit die Botschaft des Respektes und der Schonung aller Lebewesen hinaus in die Welt geht! Jedes Lebewesen hat das Anrecht auf Schutz und Freiheit! Gerechtigkeit und Mitleid schulden wir dem Tier und der ganzen Natur! Der Mensch hat nicht das Recht, Tiere in irgendeiner Form zu knechten und zu toeten! Die faschistische Lebensauffassung des Toetungsrechtes irgendeiner Kreatur, die den ganzen Planeten vergiftet, muss aufhoeren! Solange dies nicht aufhoert, herrscht hier auf der Erde Krieg, Elend und die Hoelle!

    Alle grossen Seelen der Weltgeschichte standen und stehen fuer die totale Gewaltlosigkeit und das Nichttoeten ALLER LEBEWESEN OHNE UNTERSCHIED der Art, Rasse, Klasse oder des Geschlechtes!

    Inzwischen ganz liebe Gruesse an Dich und alle Freunde – Eure Siraganda im Tierschutz

  2. Liebe Siraganda,

    ein wunderschöner und berührender Bericht über deinen Weg in den Tierschutz.
    Ganz, ganz vielen lieben Dank für dein jahrelanges, nein jahrzehntelanges Engagement für all die Lebewesen, die sich nicht selbst gegen die Gewalt, die man ihnen antut, zur Wehr setzen können.

  3. Liebe Freunde,

    Auch Euch ganz herzlichen Dank dafuer, dass Ihr da seid! Jeder Tierschuetzer ist eine grosse Bereicherung fuer diesen Planeten – und ein Hoffnungsstrahl fuer die Tiere!

    Alles Liebe an Euch – Eure Siraganda im Tierschutz

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