Ratten – eine völlig verkannte Tierart (Teil 2)

Von Harald von Fehr

Die Ratte besitzt geradezu einen „Ehrenplatz“ in den Schauergeschichten dieser Welt und als Schimpfwort steht ihr Name hoch im Kurs. Es gilt durchaus als Heldentat, jemanden „wie eine Ratte zu zertreten“ und ein „Rattennest“ ist geradezu der Inbegriff des Grauens. Außerdem verbreitet sie pausenlos Krankheiten, vor allem die Pest, knabbert ständig Säuglinge an und vermehrt sich geradezu unanständig. Gelegentlich kriecht sie auch aus der Kloschüssel, nur um anständige Bürger zu Tode zu erschrecken.

Mit solchen, der Ratte angedichteten Schauergeschichten, könnte man noch beliebig lange fortfahren.

Hier bleibt letztendlich nur eins dazu zu sagen – wenn es die Menschen ernst meinen würden, mit dem Kampf gegen „Schädlinge“, sollten sie sich in den eigenen Reihen umsehen.

Hier hätten sie ein großes Betätigungsfeld.

Seit jeher stehen Ratten in engem Kontakt zum Menschen.

Weltweit gibt es über 570 Rattenarten, doch nur zwei davon leben bei uns.

Beide gehören zur Gattung der echten Mäuse (Murinae). Es sind dies die Hausratte (Rattus-rattus) und die Wanderratte (Rattus-norvegius). Die zierliche „Haus – oder Dachratte“ (Rattus-rattus) bzw. ihr Rattenfloh war im Mittelalter der Pestüberträger.

Sie gelten deshalb als Kuriere, die gefährliche Krankheiten übertragen, als Urheber der Pest.

Die Ratten sind jedoch nicht weniger aber auch nicht mehr Krankheitsüberträger, wie jedes andere Tier oder der Mensch.

Heute weiß man, daß sie selbst Opfer des Pesterregers waren, der ihnen in Gestalt des Rattenflohs aufsaß. In dessen Bauch nistete der Pestbazillus „Yersinia pestis“. Wenn der Floh Ratten biß, starben sie, und er suchte sich andere Wirtstiere. Erst wenn er keine fand, sprang er auf Menschen über.

Da diese noch keine Abwehrkräfte entwickelt hatten, starben sie wie die Ratten.

Inzwischen gilt es als erwiesen, daß vor allem die ungenügenden hygienischen Zustände der damaligen Zeit als Hauptursache für die weitflächige Ausbreitung dieser Seuche anzusehen ist. Trotzdem halten sich immer noch hartnäckige Vorurteile über die kleinen Nager.

Mit Schmutz und Unrat werden die „ach so ekligen Ratten“ auch heute noch assoziiert – dabei sind sie äußerst reinliche Tiere, die sich täglich mindestens so häufig putzen wie Katzen.

Ratten sind 1000 mal besser als ihr Ruf – ja, viele Menschen haben sogar in der Ratte das ideale Heimtier entdeckt.

Die sehr selten gewordene „Hausratte (Rattus-rattus) steht mittlerweile auf der „Roten Liste“ der gefährdeten Wildtiere Mitteleuropas.

Die Medien berichten immer mal wieder von sogenannten „Rattenplagen“ und über „Vernichtungsaktionen“.

Doch allein das Wort „Plage“ kann anscheinend auch von den damit befaßten Stellen keineswegs richtig gedeutet werden. Es steht für Belästigung, quälendes Übel, Unheil über das ganze Land bringend usw.

Ist dies der Fall, wenn der eine oder andere Bürger mal eine Ratte zu Gesicht bekommt, die sich aus ihrer Verborgenheit erlaubt, auch von den in der Natur wachsenden Wildkräutern etwas zu holen ? Darf denn das „Mitgeschöpf Ratte“ nicht einmal das Tageslicht genießen ? Ist denn gerade die Ratte dazu verurteilt, ihr ganzes Leben nur im Verborgenen zu leben, weil der Mensch es so haben will ?

Was nehmen wir uns eigentlich gegenüber unseren Mitgeschöpfen alles heraus – ja, was maßen wir uns als sogenannte „Krone der Schöpfung“ alles an ? Wer gibt uns eigentlich das Recht dazu ?

Ich sagte es bereits – die Erkenntnisse über diese Tierart fehlt uns fast vollends, aber ihre Vernichtung beherrschen wir bereits perfekt !

Wenn sich die zuständigen Stellen etwas mehr mit der Psyche der Ratten, als mit ihrer Vernichtung befassen würden, kämen sie zwangsläufig zu dem Schluß, daß der „Erfolg“ von Giftaktionen, außer immer wieder „toten Tieren“ und reine Geldverschwendung, die nur der Giftindustrie und sogenannten „Schädlingsbekämpfern“ von Nutzen sind, letztendlich keine Veränderung der einzelnen örtlichen Populationen auf Dauer ist.

Zum Einen muß dazu gesagt werden, daß man eine Bestandsregulierung von Ratten keinesfalls durch die Tötung einzelner Tiere erreicht. Entweder man vernichtet eine ganze Population komplett, was bei der Intelligenz dieser Tiere wohl sehr schwer fallen würde. Dies hätte dann auch nach kurzer Zeit eine Neubesetzung frisch eingewanderter Tiere des freigewordenen Areals zur Folge, oder man läßt es ganz bleiben, was dann zwar nicht der sogenannten „Fachfirma“ jedoch dem Stadtsäckel zugute käme.

Jeder Biologe wird bestätigen, daß eine Vernichtungsaktion reiner Unsinn ist, weil die Vermehrungsrate der Tiere nach einer solchen Aktion sofort ansteigt, bis die Population wieder die alte Größe erreicht hat.

In ihrer Angst glauben die Menschen auch, Ratten vermehren sich mit „unanständiger mathematischer Potenz“. Das ist zwar nicht ganz falsch, da die Weibchen schon nach ca drei bis vier Monaten fortpflanzungsfähig sind und drei- bis fünfmal im Jahr Junge zur Welt bringen können, ergibt sich theoretisch eine Bevölkerungsexplosion.

So gut können die meisten nicht rechnen, wie die Rattenweibchen gebären könnten. In Wirklichkeit tun sie es nicht. Ratten halten sich an die natürliche Nahrungsgrundlage. Nachhaltigkeit ist für sie Tradition, nicht Erkenntnis. Sie gebären nur Wunschkinder. Wenn Nahrungsknappheit droht, bilden die Weibchen gar ihre Föten zurück, vermutet die Wissenschaft.

Kurzum, die Menschen sollten, da sie mit aller Wahrscheinlichkeit in den nächsten fünfzig Jahren keinen Frieden mit diesen Nagern schließen werden, endlich einmal mit etwas mehr Konsequenz an dieses Problem, was eigentlich keines ist, herangehen.

Das überreichliche Nahrungsangebot, welches unsere Wohlstandsgesellschaft aus Überfluß hinterläßt, sollte Ratten nicht zugänglich gemacht werden. Ja wir Menschen sollten überhaupt etwas sorgsamer mit unseren Nahrungsmitteln umgehen und dabei an die Menschen denken, die täglich auf dieser Erde verhungern müssen !

Schon allein dann würden die Populationen der Ratten überall automatisch auf ein Mindestmaß schrumpfen. Daß diese Tiere in dem Naturhaushalt ihre Daseinsberechtigung haben, hat die Evolution bereits mit ihrem Überleben bewiesen. Es würde sehr viel Geld, oftmals Steuergelder des Kleinen Mannes, gespart und vor Allem unsere Mitgeschöpfe wären nicht mehr grundlos barbarischen „Vernichtungsaktionen“ ausgesetzt.

In unserer zivilisierten Gesellschaft wäre es letztendlich sehr zu begrüßen, wenn Behörden und Institutionen auch sachverständigen Tierschützern beim Auftreten von Tieren, die nicht gerade von Jedem geliebt werden, ein Mitspracherecht und Lösungsvorschläge zu der jeweiligen Problematik einräumen würden. Leider sind unsere Behörden z. Zt. noch so von sich selbst überzeugt, daß solche Vorschläge kein Gehör finden.

Doch Vorsicht – sie befinden sich auf dünnem Eis, denn sie handeln gegen bestehende Gesetze !

Mit freundlichen Grüßen
Harald von Fehr, Gotha

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5 Kommentare zu “Ratten – eine völlig verkannte Tierart (Teil 2)

  1. Dao Humanyu:

    „Die Menschheit ist eine viel grössere Plage für diesen Planeten als es Ratten je sein könnten!“

    Zustimmung, wobei ich Ratten in keinster Weise für eine Plage halte, sondern für großartige Geschöpfe!

  2. Wunderbarer Artikel! Vielen Dank dafür, lieber Wolodja!

    Ich liebe diese Tiere und finde sie schön. Wenn es nach mir ginge, dürften in meinem Minigarten gern Ratten leben.

    Ich kann mich den guten Wünschen von Harald von Fehr für ein gutes Verhältnis zwischen Mensch und Ratte nur anschließen.

  3. [Mit Schmutz und Unrat werden die „ach so ekligen Ratten“ auch heute noch assoziiert – dabei sind sie äußerst reinliche Tiere, die sich täglich mindestens so häufig putzen wie Katzen.]

    Ja tatsächlich, sie sind oft in Schmutz und Unrat anzutreffen, es ist aber der Dreck, den die achso reinliche Menschheit hinterlassen hat.
    Erst heute fiel es mir wieder auf, wie die ebenso verkannten sog. „Ratten der Lüfte“ – also unsere Stadttauben nach etwas essbarem zwischen den von Menschen verursachten Dreck pickten. Ebenso die vielen Vögel wie z.b. Stare und Krähen. Es ist einfach nur demütigend für diese perfekten Tiere. In der freien von Menschen unberührten Natur sind sie allesamt die saubersten Kreaturen, so auch die Ratte, die ich erst kürzlich in unserem Garten sah.
    Ratten sind sehr hübsche Tiere (die hier vorgestellten Bilder zeigen es ja) aber neben der von Menschen vorgefertigten Meinung, existieren tatsächlich – offenbar in die Wiege gelegte Ängste, gegen Ratten, Mäuse, Schlangen und Spinnentiere aller Art, die es ihnen erschwert, die Sympathie selbst eingefleischter Tierschützer zu bekommen. Viele von uns wissen das aus eigener Erfahrung. Warum das so ist? Keine Ahnung, ich weiß nur, dass sich meine ehemalige Spinnenphobie in Luft aufgelöst hat, seit ich mich entschlossen habe kein Fleisch mehr zu konsumieren. Damit verbunden, ist natürlich die stärker gewordene Empathie und das bessere Verständnis zu unserer Mit- und Umwelt.

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