Über eine Rettungsaktion der Organisation „Rettet das Huhn“

Aktivisten des Vereins „Rettet das Huhn“ haben Mitte Dezember 2015 mehr als 1000 Hühner aus einem Legebetrieb geholt und vor dem Schlacht-Tod bewahrt. Mehr als 200 Hühner gingen an hessische Privatleute. Die Organisation „Rettet das Huhn“ wurde Ende 2007 auf Initiative von Katja Tiepelmann gegründet, agiert nunmehr als gemeinnützig anerkannter Verein und hat bereits schon 34 666 Hühner in fürsorgende Obhut vermittelt.

Parkplatz Staufenburg-Ost an der A 45: Transportkisten werden ausgeladen, in jeder zehn Hühner, die aus einem Legebetrieb in Bayern kommen und nun bei Privatbesitzern ein zweites, artgerechtes Leben bekommen sollen, statt geschlachtet zu werden.
Die Abholer warten schon.

Von Michelle Spillner

Ein Sonntagmittag im Dezember. Auf dem Rastplatz Staufenburg-Ost an der A 45 sammeln sich neben den Lastwagen nach und nach mehr als 20 Autos. Die Fahrer und Insassen kennen sich nicht. Die ersten steigen aus. Man geht aufeinander zu: „Auch wegen der Hühner hier?“ Ja, genau. Aus Mainz, Aschaffenburg, Hanau, Gießen, Friedberg, dem Main-Spessart-Kreis und dem Westerwald sind Menschen auf den Rastplatz gekommen, um Hühner in Empfang zu nehmen, die Stunden zuvor noch in einem Legebetrieb gesessen haben. Staufenburg ist einer von 16 Parkplätzen in Süddeutschland, auf dem an diesem Tag viele gerettete Hühner neue Halter bekommen.

Auf den ersten Blick sieht alles nach einem konspirativen Treffen aus. Doch die Aktion ist legal, gut organisiert und zügig geplant. Die Drahtzieher sind an Öffentlichkeit interessiert. Denn nur in der Öffentlichkeit finden sie Unterstützer für ihre gute Sache. Ralf Eis und seine Tochter Michelle aus Bodenheim sind solche Unterstützer. „Wir haben schon einmal Hühner aufgenommen“, erzählt er in die Runde. Die meisten sind „Ersttäter“ und dankbar, sich austauschen zu können. Darüber, dass die Hühner Mäntelchen brauchen, falls es kalt ist, dass bei vielen die empfindlichen Schnäbel coupiert sind und sie Probleme haben werden, Körner aufzupicken, und dass die Hühner in erbärmlichem Zustand sein werden, mit Löchern im Federkleid und Wunden auf der Haut. „Das ist Bodenhaltung“, sagt eine Hühnerretterin und zeigt auf ihrem Handy schockierende Bilder herum. Die Hühner sitzen in 1,60 Meter hoch gestapelten Käfigen auf kleinsten Raum, dünne Metallgitter unter den geschundenen Füßen in künstlicher Beleuchtung. 45 Millionen Hühner leben in Deutschland unter solchen Bedingungen. Aus solchen engen Verließen kommen die Hühner, auf die die Menschen auf dem Parkplatz warten. Während die Abholer noch in den Betten gelegen haben, haben die ehrenamtlichen Helfer des Vereins „Rettet das Huhn“ mit der Ausstallung der Legehennen begonnen. Immer gegen 4 Uhr gehen sie mit den Stirnlampen auf dem Kopf in die Ställe, nehmen vorsichtig Huhn für Huhn auf, setzen sie in Transportkisten, verladen sie auf Lastwagen.

Der Legebetriebbetreiber hilft oder auch nicht. Auf jeden Fall hat er der Aktion zugestimmt. Seine Hühner haben „ausgedient“. Mit etwa 15 Monaten kommen Hühner in die Mauser, legen sechs Wochen keine Eier, fressen aber. Das ist den Betrieben zu teuer. Für gewöhnlich werden „ausgediente“ Hühner auf Lastwagen verladen und in Schlachtbetriebe gefahren. Der Verein „Rettet das Huhn“ bemüht sich darum, Hühnerbetriebe dazu zu bewegen, die Hühner ihm zu überlassen, um den Tieren ein zweites und artgerechtes Leben zu ermöglichen.

In dieser Nacht ist die Arbeit für die Helfer besonders schwierig. 5000 Hühner waren acht Wochen zuvor zur Ausstallung angekündigt worden – doch diese Menge ist kaum zu vermitteln. Nun wurde der Schlachttermin vorverlegt, und der Verein hatte weniger Zeit für die Vermittlung.

So liegt ein bedrückender Schatten über der Arbeit. „Die sichere Gewissheit, dass wir nur einen kleinen Teil retten können. Wir wussten, dass der Tag der Rettung kommen würde und mit ihm der Moment, in dem sich die Türen hinter uns schließen und wir gehen müssen – unsere Boxen gefüllt mit denen, die wir ins Leben bringen dürfen, und hinter den Türen jene, die wir zurücklassen müssen…“, schildert Ellen Ernst von „Rettet das Huhn“ die emotionale Achterbahnfahrt.

Als sie auf dem Rastplatz ankommt, ist sie seit mehr als zwölf Stunden auf den Beinen. Auf dem Lastwagen stehen Körbe mit einigen der insgesamt 1349 Hühner, die die Retter innerhalb von drei Stunden eingesammelt haben. Die Abholer stehen mit Transportboxen bereit, unterschreiben Schutzverträge, wer möchte, gibt eine Spende. Die Hühner sind gestresst. Sie blicken ängstlich aus den Boxen. Sie sind zum ersten Mal im Tageslicht, kennen kein Körnerfutter, keine Wiese, kein Gras, sind oft kahlgepickt und in einem bemitleidenswerten Zustand. Ihr „Pook, Poook“, klingt sorgenvoll. „Die sehen sogar noch ganz gut aus“, sagt Ellen Ernst. „Nach dem Sommer, wenn die Mauser rum ist, haben sie ein wunderschönes Federkleid und sind ganz stolz“, stellt Michelle Eis in Aussicht.

Ellen Ernst beginnt, ein Huhn nach dem anderen in die Boxen der Abholer umzusetzen. „Ich habe doch gesagt, dass alles gut wird“, flüstert sie einer Henne hinterher und freut sich für die Tiere über die Ausstattung eines Transportkorbes: „Schau mal, Stroh – zum ersten Mal“, sagt sie, während sie ein Huhn absetzt. Ralf und Michelle Eis nehmen ihre beiden Hühner direkt auf den Arm. „Die werden ganz zutraulich. Die sind so dankbar“, berichten sie aus Erfahrung und treten die Heimfahrt an. „Wir retten Hunde, wir retten Katzen, warum sollen wir nicht auch Hühner retten?“, sagt Stefanie Schütze vom Verein Arche Noah Tierschutz im Westerwald, die Vereinsmitglieder ermuntert hat, Hennen aufzunehmen.

Nach einer Stunde sind alle Hühner verteilt. Zehn Stück gehen zu „Tiere in Not“ im nordhessischen Oberaula. Während der etwa einstündigen Autofahrt machen sie keinen Mucks. Dann, endlich, Ankunft im Hühnerhaus. Die Tiere staksen zaghaft über das Stroh, beäugen verwundert die Rotlichtlampe und wissen mit der Hühnerstange nichts anzufangen. Anfangs drängeln sie sich verängstigt in eine Ecke des Häuschens. Bis es Futter gibt. Am nächsten Morgen hören die Hühner zum ersten Mal Vögel zwitschern und reagieren verdutzt, während die Sonne durch des Stallfenster scheint. Ein neues Leben beginnt.

Quelle: Frankfurter Neue Presse

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2 Kommentare zu “Über eine Rettungsaktion der Organisation „Rettet das Huhn“

  1. Lieber Wolodja,

    das ist eine grossartige Organisation und eine grossartige Aktion! Unsere gefiederten Brueder und Schwestern im Tierreich – Huehner, Gaense, Enten, Truten, Wachteln, Kleinvoegel (welche in Frankreich und Italien mit Leimruten gefangen werden), Tauben etc. gehoeren zu den am meisten ausgebeuteten Tieren dieses Planeten!

    Hoffentlich macht dieses Beispiel Schule und die Leute entscheiden sich zum letzten Schritt zur fleischfreien Ernaehrung, indem sie Auch das beruehmte Poulet von ihrer Speiseliste streichen! Ich liebe alle vogelartigen Tiere, denn sie sind doch das Symbol der Freiheit – und werden vom Menschen so sehr geknechtet!

    Ich freue mich fuer diese geretteten Tiere, welche nun ein Leben in Wuerde und gemaess ihrer Art leben koennen! Vielen Dank Auch an die Gruenderin dieser Organisation ‚Rettet das Huhn‘ Katja Tiepelmann!

    Ich wuensche Dir und allen Freunden noch einen so angenehmen Tag wie moeglich – eure Siraganda im Tierschutz

  2. Ich finde keine worte
    Ihr seid alle so wunderbare, gute Menschen.
    Ich freue mich für jedes einzelne Huhn, dass ein „echtes“ Leben leben darf.
    Ich ziehe meinen Hut vor Euch

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