Die Illusion der Selbstbestimmung: „Ich lass mir doch nicht vorschreiben, was ich essen soll!“

Von Tierrechtler Armin Rohm

Vor einiger Zeit vertrat ich in meinem Artikel „Das ist doch wohl immer noch allein meine Entscheidung!“ die Auffassung, dass Essen immer dann nicht als Privatsache betrachtet werden sollte, wenn dafür unschuldige, leidensfähige Mitgeschöpfe gequält und getötet werden. Unser Recht auf Selbstbestimmung stößt immer dort an Grenzen, wo es mit dem Recht auf Leben der anderen kollidiert.

Fleischesser kommentieren diese Sichtweise meist mit Empörung: „Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, was ich essen soll!“ Das ist eine bemerkenswerte Reaktion, denn sie zeugt von einer reichlich verzerrten Selbstwahrnehmung. Die traurige Wahrheit ist, dass sich die meisten Menschen Zeit ihres Lebens vorschreiben lassen, was sie essen sollen, und zwar ganz besonders diejenigen, die das vehement bestreiten.

Die ‚kulinarische Indoktrination‘ ist allgegenwärtig und beginnt schon im Babyalter, lange bevor wir überhaupt sprechen können. Wir sind kaum abgestillt, da füttern uns unsere Eltern erstmals mit pürierten Tierleichenteilen. Durchaus in liebevoller Absicht, aber keineswegs weil wir das wollen. Wenn wir lernen, unsere Nahrung ohne fremde Hilfe einzunehmen, essen wir weiterhin vor allem, was wir sollen. Die Eltern definieren, was für uns gut ist. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Von Selbstbestimmung keine Spur.

Diese Beeinflussung geschieht in einer Lebensphase, in der wir noch zu jung sind, um besonnene, autonome Ernährungsentscheidungen zu treffen. Es ist also völlig legitim, dass unsere Eltern weitgehend für uns entscheiden, welche Nahrung sie uns verabreichen und welche nicht. Grob fahrlässig ist allerdings oftmals, wie sie diese Entscheidungen treffen. Im Zeitalter der Information wäre es leicht möglich, sich differenziert mit den ethischen, ökologischen und gesundheitlichen Aspekten von Ernährung zu beschäftigen, um dann verantwortungsbewusste Entscheidungen für Mensch, Tier und Umwelt zu treffen.

Viele Eltern setzen sich jedoch nicht oder nur oberflächlich mit dem Thema auseinander. Sie kopieren einfach das Erziehungsverhalten, welches ihnen aus dem eigenen Elternhaus vertraut ist, bzw. das, was in ihrem heutigen sozialen Umfeld üblich ist. Oft folgen sie auch blind den Ratschlägen vermeintlicher ‚Experten‘ der Medien und der Nahrungsmittelindustrie. Auf diese Weise erfahren Kinder schon früh im Leben, dass Fleisch essen völlig normal („alle machen das“), natürlich („immer schon“) und absolut notwendig („um groß und stark zu werden“) ist.

Wenn wir sprechen gelernt haben und beginnen, neugierige Fragen zu stellen, wenn wir wissen wollen, was wir da Tag für Tag eigentlich essen und woher dieses Essen kommt, geschieht etwas Seltsames. Unsere Eltern könnten uns ganz einfach die Wahrheit sagen und uns weitgehend die Entscheidung überlassen, wie wir mit damit umgehen. Sie könnten uns aufklären und respektieren, wenn wir im Angesicht der Tatsachen künftig manche ‚Produkte‘ lieber nicht mehr essen wollen. Genau das tun sie aber oft nicht, vor allem dann nicht, wenn es um Produkte tierlicher Herkunft geht. Fragen wir, woher ein Apfel kommt, wo Karotten wachsen, wie sie geerntet werden oder wie Nudeln produziert werden, bekommen wir meist ehrliche Antworten. Fragen wir aber, wie z.B. ein Hot Dog hergestellt wird, belügen uns unsere Eltern hemmungslos.

Sie erzählen uns vielleicht, die Wurst komme vom freundlichen Metzger von nebenan. Er stellt sie ‚irgendwie‘ her, das ist sein Beruf. Wenn wir hartnäckig weiter fragen, räumen sie kleinlaut ein, dass Fleisch und Wurst schon etwas mit toten Tieren zu tun haben. Diese Tiere sind aber speziell dafür da, um von uns gegessen zu werden. Sie haben ein beneidenswert schönes Leben und müssen niemals leiden. Was das Beste ist: Sie sind regelrecht glücklich, uns als Nahrung zu dienen. Nichts könnte für sie schöner sein. Wenn wir das partout nicht glauben wollen, zeigen uns unsere Eltern zum Beweis ihrer Aufrichtigkeit vielleicht noch ein ‚Aufklärungsvideo‘. (Im „Transparenz-Tagebuch“ verrät uns beispielsweise Lily Schwein, wie es in der modernen Schweinehaltung zugeht. Einfach paradiesisch. )

Niemand erzählt uns: „Hot Dogs werden aus getöteten Schweinen gemacht. Wir mästen sie massenhaft in Ställen, wo sie oft ohne Tageslicht ihr kurzes Leben lang auf engsten Raum zusammen mit anderen Schweinen in ihrer eigenen Scheiße stehen. Wir geben ihnen Soja, Wachstumshormone, Medikamente und zermahlene Kadaver ihrer Artgenossen zu fressen. Wenn sie fett genug ist sind, pferchen wir sie zu Dutzenden in einen Transporter und fahren sie bei Wind und Wetter über hunderte von Kilometern zum Schlachthof. Dort schlitzen wir ihnen kopfüberhängend die Kehle auf, lassen sie ausbluten und teilen sie dann in Stücke. Aus den Leichenteilen stellen wir dann die Brühwurst für den Hotdog her. Dazu pürieren wir so ziemlich alle Bestandteile (Ohren, Zunge, Innereien, Schwanz, …) zu einer geschmacklosen Pampe, die wir kräftig würzen und anschließend in Därme pressen.“

Eine ähnliche Gehirnwäsche erhalten wir, wenn wir uns für die Herkunft von Milchprodukten interessieren. Wir erfahren, dass Milch lebensnotwendig und wahnsinnig gesund ist, dass sie von glücklichen Kühen kommt, die uns die Milch jederzeit gerne geben. Kein Wort davon, dass wir die Milch in Wirklichkeit stehlen. Erst stehlen wir der Kuh ihr Kalb und dann dem Kalb die Milch. Kein Wort von der gewaltsamen, traumatisierenden Trennung von Mutter und Kind schon kurz nach der Geburt. Kein Wort von ihrer Trauer, ihrem Schmerz, ihren verzweifelten Schreien. Kein Wort davon, wie die Mutterkühe in einem grausamen Kreislauf von Zwangsschwängerung, Schwangerschaft, Geburt und Kindesraub zu Milchmaschinen degradiert werden, um schon nach wenigen Jahren ausgelaugt im Schlachthof zu landen. Kein Wort davon wie ihre Babys isoliert, gemästet, hingerichtet und zu Wurst verarbeitet werden.

Wir werden systematisch belogen, so dass die blutigen Hintergründe unserer Ernährung für uns weitgehend im Dunkeln bleiben. Wir merken früh, dass unsere Fragen nicht wirklich erwünscht sind. Wir vermeiden Ärger, indem wir eben das essen, was von uns erwartet wird. In dieser Phase unseres Lebens verlernen wir unsere angeborene bedingungslose Empathie gegenüber allen leidensfähigen Lebewesen und empfinden künftig nur noch selektiv Mitgefühl für bestimmte Tiere, die es nach Auskunft unserer Eltern ‚wert‘ sind, dass wir uns um sie sorgen. Gleichzeitig akzeptieren wir, dass es völlig in Ordnung ist, andere Tiere einzusperren, zu quälen, zu töten und ohne Schuldgefühle zu verzehren. Diese ‚Erkenntnisse‘ bestimmen maßgeblich unser künftiges Ernährungsverhalten. Sie steuern, worüber wir uns informieren und was wir lieber nicht so genau wissen wollen.

Wir haben also gelernt, nicht das zu essen, was wir wollen, sondern, was wir im Sinne des gesellschaftlichen Mainstream wollen sollen. Wenn wir uns diese Programmierung eingestehen, können wir beginnen, für uns selbst zu denken. Wir können anzweifeln, was man uns zu glauben gelehrt hat und uns die Informationen beschaffen, die uns immer verschwiegen wurden.

Wir können unsere bisherigen Ansichten kritisch hinterfragen, Denkfehler, Irrtümer und Widersprüche bemerken. Wenn wir das ‚karnistische Tabu‘ brechen und uns der Frage stellen, wen wir essen, erkennen wir, dass es Lebewesen und keine Lebensmittel sind, die auf unseren Tellern landen. Geschöpfe, die wie wir den Wunsch und das Recht haben, zu leben. Spätestens, wenn wir die die Bilder des Grauens aus den Ställen und Schlachthöfen an uns heranlassen, wird unser Herz sich öffnen und das bedingungslose Mitgefühl unserer Kindheit zurückkehren. Erst dann werden wir bewusste Entscheidungen treffen und fortan tatsächlich essen, was wir wollen.

Empfehlung zur Vertiefung:

Melanie Joy erläutert in einem Video mit deutschen Untertiteln sehr anschaulich, wie wir von der ‚karnistischen‘ Ideologie unserer Gesellschaft systematisch indoktriniert werden.

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5 Kommentare zu “Die Illusion der Selbstbestimmung: „Ich lass mir doch nicht vorschreiben, was ich essen soll!“

  1. (d)eine persönliche entscheidung:

    der maispreis explodiert. mais ist die pflanze des 21. jahrhunderts, bestens erforscht, von konzernen vermarktet und perfekt zu verwerten. mais bedeckt inzwischen mehr anbaufläche als jedes andere agrarprodukt. weltweit füttert mais milliarden von hühnern und schweinen. die nachfrage ist riesig: bei uns wird der mais zu biogas und strom, in den usa zu ethanol.

    der maispreis richtet sich nach dem globalen fleischhunger, nach dem ölpreis und den interessen der agrarkonzerne. dieser markt sollte eigentlich die menschen auf der welt versorgen. nun spielt er verrückt und macht die einen reich während die anderen hungern. für viele afrikaner ist der viel zu teuere mais das hauptnahrungsmittel und weil sie ihn sich nur noch ganz selten leisten können wissen sie nicht mehr, wie sie ihre kinder satt kriegen sollen.

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