Das dilettantische PR-Manöver von Werder Bremen

Gegen den HSV machte Werder Bremen am 28.11.2015 auf seiner Brust Werbung für den Tierschutz. Grundsätzlich eine gute Idee. Nicht aber in diesem Fall. Denn der Verein weckte mit dieser Aktion längst schlafende Hunde.

Von Lars Wallrodt

Nein, als Fußballverein hast du es heutzutage auch nicht mehr leicht. Früher haben die Fans brav dein Trikot gekauft und die Klappe gehalten; egal, was vorne drauf war. Hat sich in den 80er-Jahren auch nur einer über das Trikot des HSV aufgeregt, weil darauf für den Benzin-Riesen BP geworben wurde, während der die Natur auf der Suche nach neuen Ölvorkommen umgegraben hat? Nein.

Oder wurde Hertha BSC an die Wand genagelt, weil mit Mampe für einen Schnapshersteller geworben wurde? Im Leben nicht. Borussia Dortmund verkaufte sogar mal sein Logo, auf dem zwei Jahre lang der Löwenkopf der Tabakfirma Samson prangte.

Heutzutage aber muss jeder Sponsor auf den moralischen Prüfstand. Was haben die Schalker für einen Ärger gehabt, weil sie die eigene Brust für Gazprom hergegeben haben. Evonik auf dem BVB-Trikot steht auch nicht gerade für Ökostrom. Doch das sind alles Peanuts gegen das, was Werder Bremen 2012 erleben musste, als die Hanseaten ihren neuen Hauptsponsor vorstellten. Sie hätten wohl ebenso gut für die Abholzung der Regenwälder oder das Aussetzen von Katzenbabys werben können, wählten aber den Geflügelproduzenten Wiesenhof.

Da war Schluss mit lustig. Umweltverschmutzung und Klimaschändung mögen ja noch im abstrakten Bereich des menschlichen Gehirns verarbeitet werden. Aber Massentierhaltung inklusive Küken schreddern? Das geht gar nicht. Also wurden Werder und Wiesenhof vom Furor der Öffentlichkeit getroffen. Auch hartgesottene Werder-Fans schlossen sich Initiativen an, die den Kauf von Bremer Trikots boykottierten.

Doch wie das mit der Wut so ist – sie verfliegt irgendwann, und so wurde es ruhig um die Bremer Brust. Sogar eine Vertragsverlängerung mit dem umstrittenen Sponsor im September ging ziemlich lautlos über die Bühne. Doch nun nimmt die Debatte um Wiesenhof wieder Fahrt auf. Und das durch eine Idee, die auf den ersten Blick einem guten Zweck dient.

Der SV Werder lief am Samstag im Nordderby gegen den HSV mit einem neuen Brustaufdruck auf. Klubs geben ihre begehrteste Werbefläche ja beizeiten für den guten Zweck her, zum Beispiel für Ein Herz für Kinder oder die Deutsche Knochenmarkspenderdatei. Werder spielte am Samstag mit dem Aufdruck „Für mehr Tierschutz“ und warb damit für den Deutschen Tierschutzbund. Der Verein bettelte so förmlich um einen Shitstorm.

Das Logo eines Konzerns, der so manchem Huhn – vorsichtig ausgedrückt – nicht die besten Lebensbedingungen bietet, gegen einen Tierschutz-Slogan auszutauschen ist schon harter Tobak. So, als ob der VW-Klub VfL Wolfsburg fürs Radfahren oder der Telekom-Verein Bayern München für nonverbale Kommunikation wirbt – nur in unmoralisch. Genauer betrachtet ist die Aktion ein so dilettantisches PR-Manöver, dass die Hühner gackern. Für wie dumm müssen die Initiatoren dieser Farce die Fans halten, um zu glauben, dass sie das nicht durchschauen?

Wenn Wiesenhof die Aktion nutzen wollte, um das eigene Image aufzupolieren, das nach diversen Enthüllungen im Eimer ist, dann kann nur konstatiert werden: Das war wohl nichts. In den sozialen Netzwerken wird das Ganze schon mit dem entsprechenden Hohn bedacht. Und es ist davon auszugehen, dass die als kreativ bekannten Werder-Fans das nicht unkommentiert lassen werden.

Übrigens ist die durchsichtige Aktion auch für den Deutschen Tierschutzbund eine ziemlich peinliche Nummer. Denn Wiesenhof ist Vertragspartner der Organisation und vergibt das Siegel „Mehr Tierschutz“ an fleischproduzierende Firmen – auch an die Wiesenhof-Linie Privathof. Dass es auf den Privathöfen allerdings auch nicht sonderlich artgerecht zugeht, berichtete im Jahr 2013 der Verein Soko Tierschutz. So wird aus der scheinbar guten Aktion ein PR-Gag. Doch der scheint nach hinten loszugehen …

Quelle: http://www.welt.de

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