Das Leid der Kollateralferkel

Freies Fleisch für freie Bürger? Was die Massentierhaltung dem sogenannten Nutzvieh antut, ist unerträglich und beschämend. Aber die meisten Menschen verdrängen das lieber.

Von Hilal Sezgin

Kennen Sie diese Enthüllungsdokus, wie sie bisweilen in Fernsehsendungen wie Fakt, Panorama oder Monitor gezeigt werden? Man sieht das Innere von Schweine-, Hühner- oder Putenställen und fragt sich, welcher Wahnsinn in die Menschheit gefahren ist, dass wir diese Industrie mit Tieren als legalen Wirtschaftszweig akzeptieren, institutionalisieren, finanzieren.

Das Problem mit solchen TV-Beiträgen ist bloß: Einige Menschen schauen sie an und wissen genau, warum sie schon längst keine Tiere mehr essen wollen. Andere Menschen jedoch wollen weiterhin Tiere essen – und wissen genau, warum sie solche Filme nicht anschauen.

Schließlich findet es fast niemand in Ordnung, was wir den Tieren antun, nur versuchen die meisten Menschen, das aus Selbstschutz zu verdrängen, um mit ihrem Alltag fortfahren zu können. Die Leute wollen nun mal Fleisch essen, sie würden es als empfindliche Beschneidung ihrer Menschenrechte ansehen, nicht von allem zu kosten, was kreucht und fleucht. Freies Fleisch für freie Bürger! Echte Männer grillen echte Tote.

Vor drei Jahren habe ich Tierrechtsaktivisten kennengelernt, die Aufnahmen für die erwähnten TV-Dokus machen, für die sie nachts mit Kameras Ställe aufsuchen. Sie erzählten mir, sie hätten gehört, dass überzählige oder schwache Ferkel in den Zuchtbetrieben oft einfach im Stall erschlagen würden. Das wollten sie überprüfen und, wenn es ging, auch filmen.

Ich konnte mir eine so grausame Praxis kaum vorstellen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich sogar versucht habe, ihnen das Projekt auszureden, aber glücklicherweise ließen sie sich nicht beirren. Ein paar Monate später zeigten zwei Fernsehsendungen die verdeckten Aufnahmen: Arbeiter gingen durch die Stallabteile, entnahmen Ferkel und schlugen sie gegen die Wand, manchmal mehrmals, bis nichts mehr zappelte. Die Aufnahmen stammten aus verschiedenen Bundesländern und Betrieben, das Ferkel-Erschlagen war (und ist) offenbar eine verbreitete Praxis.

„Tierschutzgerechte Euthanasie“ ?

Im September 2014 ging der Fernsehpreis der Deutschen Akademie für Fernsehen an die Doku „Gequält, totgeschlagen und weggeworfen – das Leid in Deutschlands Ferkelfabriken“, die auch mit diesen Aufnahmen arbeitet. Da hatte sich bereits die Politik, allen voran das niedersächsische Landwirtschaftsministerium, der Sache angenommen; man ließ sogar einige Ferkel obduzieren. Todesursache: Genickbruch. Man nahm weitere Stichproben. Man kündigte unangekündigte Kontrollen an. Man verfasste Leitfäden, wie „lebensschwache“ Ferkel „tierschutzgerecht“ zu „euthanasieren“ seien. Ich entschuldige mich für die vielen Anführungsstriche, aber kein gängiger Begriff ist dem Leben und Leid der involvierten Tiere angemessen. Und wieso kommen überhaupt so viele Ferkel in den fragwürdigen Genuss, „tierschutzgerecht euthanasiert“ zu werden?

Wie bringt man Ferkel „tierschutzgerechter“ um die Ecke?

Nun, die heutigen Hybridsauen sind so gezüchtet, dass sie oft mehr Ferkel austragen, als ihr Uterus und später ihr Gesäuge gut versorgen können. Einige kommen viel zu klein auf die Welt, weil sie schon vor der Geburt nicht genügend Nährstoffe abbekommen haben. Manche hochgezüchteten Sauen bekommen sogar mehr Ferkel, als sie Zitzen haben, dabei braucht bei Schweinen jedes Jungtier seine eigene Zitze. So kommt es also, dass die schwächsten leer ausgehen.

Das Kalkül der Züchter geht trotzdem auf, denn je mehr „Ferkel den Schlachthaken erreichen“, wie es in den Fachzeitschriften der Fleischindustrie feinfühlig formuliert wird, desto höher der Gewinn. Die etwa 10 Prozent Ferkel, die in den ersten Lebenswochen sterben oder gegen die Wand geschlagen, hoppla, euthanasiert werden, sind nur kleine Nummern im Geschäftsbuch. Verschleißteile sozusagen, Kollateralferkel.

Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2015-09/massentierhaltung-tierschutz-10nach8

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