Offener Brief von Herbert Ochs an Merkel und Co. (Teil 2)

Fortsetzung des gestrigen Beitrags:

Worüber wir reden müssen, wenn es „kracht“ :

Wenn wir das Wort Krieg in den Mund nehmen, klingt das so, als wenn wir über  ein vorübergehendes Tiefdruckgebiet reden. Sogar unser derzeitiger Bundespräsident geht, Medienberichten zufolge, mit derartigen Begrifflichkeiten auch für den Zivilgebrauch grob fahrlässig um. Aber ein richtiger Krieg ist kein Pappenstiel, nicht bloß eine Kabbelei unter zerstrittenen Straßenjungs. Gegenwärtig sehen wir den Kriegsalltag nur in kurzen Fernsehsequenzen, meist in Verbindung von statistischen Zahlen der Verletzten und Toten. Doch in Wahrheit wissen wir nicht über was wir da eigentlich reden. Bei den Verletzten reden wir nicht über eine Schusswunde am Oberarm und bei den Toten nicht über den „sauberen Schuss direkt ins Herz“, wie in den Krimis im Vorabendprogramm; und wir reden auch nicht darüber, dass vorübergehend mal der Strom ausfällt.

Der wirkliche Krieg ist so schmutzig, dass er auch nicht durch alle Regentropfen und Tränen der Welt seine dreckige Fratze rein gewaschen bekommt. Hier reden wir über zerrissene Körper, umher fliegende Körperteile, denen die Opfer im nächsten Moment noch selbst staunend hinter hersehen, bevor sie begreifen, dass es ihre eigenen sind. Wir reden von den herzzerreißenden Schreien derer, die ungläubig und fasziniert zugleich sind, von dem Anblick, wie ihre Gedärme aus ihren aufgeplatzten Bäuchen langsam aber unaufhaltsam herausschlingern, während die herbeigeeilten Kameraden hilflos versuchen, sie wieder hineinzustopfen, obwohl sie wissen, dass dies niemals gelingen kann. Wir reden über Geschosse, die keine Rücksicht nehmen, ob in den verstümmelten Körpern bereits neues Leben enthalten ist, das hier, ohne heranreifen zu dürfen, jäh abgewürgt wird – und das vielleicht sogar zu beneiden ist. Es sind die Momente, in denen man sich wünscht nicht geboren zu sein und gleichzeitig bereut, jemals auch nur ein Kind gezeugt zu haben. Um welche Tragödien es auch immer geht: Was für die Überlebenden bleibt, ist der lebenslange „Tinnitus“ der niemals verklingenden Schreie sterbender Menschen um sie herum. Denn längst nicht alle Wunden heilt die Zeit – und schon gar nicht ohne Narben zu hinterlassen. Sie bleiben ihr restliches Leben traumatisiert.

So schwer es mir fällt, diese Bilder hier zu zeichnen, so wichtig war es aber für mich andererseits, gar keine „Kriegsromantik“ erst aufkeimen zu lassen, mit deren falschen Vorstellung von Krieg immer die Motivation schmackhaft gemacht wurde. Selbst der sensationshungrigste und abenteuerlustigste Kriegsberichterstatter wird eher seine Kamera voll gekotzt haben, bevor er den Auslöser auch nur finden konnte. Es soll sich auch niemand von den Neureichen der Illusion hingeben, dass es bei einem solchen Szenario irgendwo auf unserem Planeten eine Insel gibt (von den Nobelvierteln der Großstädte ganz zu schweigen), welche nicht von den Auswirkungen betroffen sein wird. Denn die Brandherde brodeln bereits auf wirklich allen Kontinenten.

Der Status quo :

Überall auf der Welt sind die Nochbeschäftigten einem gnadenlosen Erfolgszwang hauptsächlich durch den immensen Zeitdruck ausgesetzt. Die Konsequenz bei Schwäche und Untauglichkeit ist die unbarmherzige Ausgrenzung nach geradezu darwinistischem Ausleseprinzip. Ein hektisches Treiben von 99% der unter teilweise unmenschlichen Bedingungen arbeitenden Massen für den kurzfristigen Erfolg für 1% Finanzjongleure, führt zu einem in jeder Hinsicht (über)lebensfeindlichem Endergebnis. Denn Hektik ist die Tochter der Fluchtreflexe und die Mutter der Selbstzerstörung – und daher kontraproduktiv für die Aufrechterhaltung eines intakten Systems, welches wir Wirtschaftskreislauf nennen. Diese aktuelle negative Energie kann nur wieder durch lobbyneutrales gesamtgesellschaftliches Gegensteuern in die positive Energie der Teilhabe umgewandelt werden, bevor die Büchse der Pandora den Deckel sprengt und alles Unheil  wieder entweichen lässt. Denn eine Menschheit die sich selbst zerstört braucht auch keine Kinder mehr. Umso weniger, wenn unsere Hoffnung nur mit der eigenen  Altersicherung einhergeht, obwohl wir noch nicht einmal dazu den Kindern die notwendige Voraussetzung schaffen können.

Das in der ganzen Menschheitsgeschichte erstmalige Auftreten von Leistungsstress bereits unter Schulkindern sowie der abnorme Drogenkonsum von Jugendlichen heißt nichts weiter, als dass wir bei ihnen versagt haben; und die mangelhaften Leistungen in Schule und Berufsausbildung stellen nur umso mehr uns selbst ein schlechtes Zeugnis aus. Denn allzu oft lassen wir sie in ihrer sensibelsten und folgenreichsten Lebensphase mit ihren klaren kreativen Ideen alleine, nehmen sie nicht ernst genug und stülpen ihnen lieber unsere „bewährten“ diabolischen Wertvorstellungen über, mit den „geflügelten“ Lebensweisheiten der Borniertheit: „Das war schon immer so“ oder:“ Lehrjahre sind keine Herrenjahre“.

Über eines müssen wir uns im Klaren sein: Ein Krieg wird niemals von Machthabern mit ihren Armeen begonnen. Er beginnt mit uns selbst. Von unserem mitverantwortlichen Geschick aus Mut und Demut entscheiden wir von der ersten Stunde an, wer unserer Stimme würdiger ist: dem 1% schlangenfalscher PolitikerInnen (incl. Präsidenten), oder den 99% intakter Seelen aus unserer Bürgermitte: Wehre den Anfängen (Goethe). Noch einmal:

Führen (auf allen Ebenen) heißt, Orientierung gebend vorausgehen, anleiten bei gleichzeitigem mit tun. Führen bedeutet, den Schwachen zu stärken und ihm Gelegenheit zu geben aus seinen Fehlern zu lernen. Führen heißt, die menschlichen individuellen Potentiale zu erkennen, sie zu fördern und damit das Selbstvertrauen für ein lebensbejahendes Dasein zum Nutzen Aller zu stärken. Sich selbst und andere zu motivieren ist das oberste Ziel, unter dem jedes Individuum seine verborgenen schöpferischen Talente entdecken und entwickeln kann. Im Erfolg der Selbstverwirklichung, welche ihre Belohnung in der Anerkennung der Mitmenschen erfährt, liegt der Charme unserer sinnstiftenden Existenz. Führ den „Führer“ ist dies die Bestätigung seiner Führungskompetenz; wohl akzeptierend – und auch wollend –, dass sein Schüler am Ende besser ist als sein Lehrer. Lehren und sich belehren lassen; Fehler machen dürfen und sie sich gegenseitig verzeihen, ist das Äußerste wozu wir Menschen des Friedens Willen fähig sind und von uns erwarten dürfen.

Ja, was für eine Themenbreite für einen einzigen Tafelaustritt. Aber hier wird, wie bereits angesprochen, die Unfähigkeit aller sich selbst profilierenden Lobbyisten aus Politik und Wirtschaft auf tragische und  besorgniserregende Weise sichtbar. Die Tafel kann somit nicht als humane Einrichtung anerkannt werden, weil sie einen selbstverschuldeten Mangel bedient – wie die Arbeitsverwaltung übrigens auch. Denn wenn man mit künstlichem Geld durch dessen künstliches Verschieben einen künstlichen Mangel erzeugt, der mittels echter Hilfsbereitschaft gesundgebetet werden muss, dann ist das so, als wenn wir den Teufel durch die Vordertür hereinbitten, damit wir unsere Vorstellung von Gott durch die Hintertür in Erscheinung treten lassen können. Das heißt im Klartext, dass wir für die weltlichen Geschicke nur Mensch genug sein müssten, um dem Teufel gar nicht erst Zutritt zu verschaffen. Denn genau von hier wird unsere gemeinsame Zukunft entschieden.

An die Medien :

Ich überlasse es dem Mitverantwortungsgefühl und der Weitsicht der Medien (welche von mir mit diesem Schreiben zunehmend informiert werden) inwieweit sie bereit sind, sich – über die alltäglichen Skandalthemen und angstschürender Horrorszenarien hinaus – für neue und auch bereits vorliegende Konzepte engagierter MitbürgerInnen aus allen Gesellschaftsschichten zu öffnen und darüber zu berichten. Sicher gibt es noch immer zu viele Menschen, welche die wilhelminische Untertänigkeit als Naturgesetz ansehen, weil sie dahinter die Allmacht Gottes vermuten. Es gibt aber bereits sehr viele Menschen, deren gesunder Menschenverstand unter weitsichtiger Betrachtungsweise ausgereift genug ist, um einen globalen Sinneswandel (z.B. Netzwerke für Grundeinkommen oder Direkte Demokratie) einzuleiten. Initiativen, die längst aus dem „intellektuellen Experimentierstadium“ heraus sind, und nur darauf warten mit ihren Ideen eine mindestens ebensolche öffentlichkeitswirksame Plattform geboten zu bekommen wie mittelmäßige Parlamentarier und „Wirtschaftsweisen“ mit nebulösen Prognosen oder Statistiken.

Ein gesunder Egoismus

Wenn nun aber unser (angeborener) Egoismus darin besteht (oder bestehen könnte), gar nicht genug an entgegengebrachter Anerkennung aufgrund menschlicher Wertschätzung zu bekommen (anstatt nur Verachtung zu ernten), dann ist diese Vorleistung der inflationssicherste – und damit friedlichste – Zukunftsmarkt des Menschen. Keine geringere als die Natur selbst hat uns mit ebensolcher inflationären Investition im Wortsinne den Boden bereitet. Sie hat nichts dafür verlangt; außer, dass wir sie –  im eigenen Interesse – gut dafür behandeln, damit sie sich jeden Tag an uns verschenken darf. Sie lässt uns täglich die Wahl, ob wir einen einzelnen Kieselstein zu einer todbringenden Lawine werden lassen, oder ob wir mit einem einzelnen Samenkorn die gesamte Menschheit ernähren. Wir haben ihr nur noch nicht richtig zugehört und  unsere gesunde Ur-Sensibilität gegen unser ungesundes egoistisches Gewinnstreben verkauft.

Auf jeden Fall sollten Sie sich, werte Frau Bundeskanzlerin, schon möglichst bald entscheiden, wem Sie dienen wollen. Denen, von welchen Sie zur eigenen „Machtergreifung“ protegiert und am medienwirksamsten auf Ihr aristokratisches Ross gesetzt werden, oder uns, dem Volk, für das es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis es den Gehorsam des Reitens der stählernen Stute endgültig verweigert. Koste es was es wolle. Darum betrachten Sie diesen Brief bitte als Motivationsverstärker für Ihre Prioritätenliste – und vergessen Sie dabei nicht: Wir sind die 99% auf die es ankommt. Wir sind das Volk – und das Volk ist der Souverän. So steht es in unserem Grundgesetz. Wir bestehen darauf – damit wir morgen wieder alle an einer Tafel speisen können.
Mit freundlichen Grüßen
Herbert Ochs

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