Der „grüne“ Papst (Teil 2)

Fortsetzung der gestigen Ausführungen von Hubertus Mynarek :

Aber natürlich hatte Papst Franziskus schon vor seiner jetzigen Ökologie-Enzyklika die endgültige Lösung der Ökologieproblematik in der Tasche. In seiner ersten Enzyklika „Evangelii gaudium“ erklärte er schon, dass man im Grunde überhaupt kein Problem in der Welt, also auch nicht das ökologische, ohne den Glauben an die Transzendenz lösen könne. Alle sollten sich „darüber im Klaren sein, dass in einem Leben ohne Transzendenz die Dinge zu Götzen und die Götzen zu Dämonen werden, die ihre vermeintlichen Nutznießer letztlich aussaugen und verschlingen“, womit dann die ökologische Krise ohnehin beendet wäre, d.h. im totalen Chaos, der apokalyptischen Weltkatastrophe enden würde.

Schlimmer noch als die ökologische Krise und deren allertiefste Wurzel sei doch der „Betrug an der Person. Denn letztlich kann eine Anthropologie nicht darauf verzichten, die menschliche Person zu jener einen Person in Bezug zu setzen, die transzendent ist und den Menschen in ebendieser Transzendenz erst eigentlich begründet“. Insofern kann „reine Vernunft, reine Wissenschaft, reine Kunst, die reine Staatsform“ allein aus sich heraus die ökologische Problematik nicht meistern, ihre „vermeintliche Reinheit“ von aller Transzendenz, also ihre absolute Autonomie führe „letztlich immer in den Nihilismus“ und damit auch in die ökologische Katastrophe.

Das also ist die von diversen Medien gepriesene „neue Form des Umweltbewusstseins“, das Papst Franziskus entwickelt: Die Lösung des Ökologieproblems liegt in der Transzendenz. Am Ende muss eben, bildlich gesprochen, immer das Jesuslein einspringen! Ohne Bild gesagt: Ohne göttliche Hilfe ist die Umweltkatastrophe nicht abzuwenden. Daher können die an Gott Glaubenden ruhig gelassen bleiben. Wie sagte es doch der gütige, ebenfalls von Franziskus I. bereits zum Heiligen beförderte Johannes XXIII.: Wenn die Weltbevölkerung weiterhin so enorm anwachse, werde die Vorsehung schon ein Mittel finden, um diesem Anstieg ein Ende zu bereiten. Zur Freigabe künstlicher Empfängnisverhütungsmittel war auch er nicht bereit.

Wir sind wieder einmal Zeugen eines sich in allen Phasen der Kirchengeschichte wiederholenden Theaters, das darin besteht, dass die Kirche jeder Errungenschaft, jedem Fortschritt stets zuerst ein schroffes Nein entgegenschleuderte, dass dann viele Jahrzehnte, manchmal ganze Jahrhunderte später die Herren der Kirche schweren Herzens sich zu einem Jein durchrangen, und dass sie schließlich den keineswegs durch sie bewirkten Fortschritt, die keineswegs durch sie zustande gekommenen Errungenschaften triumphal als die ihren, als den entscheidenden Beitrag der Kirche und des Papsttumes zum kulturellen, moralischen, sozialen und nun auch ökologischen Fortschritt der Menschheit proklamierten. Die Wahrheit aber ist, dass jede Verbesserung in punkto Gleichheit und Freiheit der Menschen, in Bezug auf das Los der Frauen, der Arbeiter, der Ausgebeuteten, der Kinder, der Sklaven, der Tiere, Pflanzen usw. gegen den – oft erbitterten – Widerstand des Papsttums durchgesetzt werden musste.

Deswegen stelle ich im Hinblick auf das eben Gesagte und auf die neue, teilweise so überschwänglich gefeierte Öko-Enzyklika von Papst Franziskus zum Schluss die Frage: Ist er ein großer Mensch? Sicherlich ist er ein charismatischer Priester, ein Seelenfänger, ein den Sehnsüchten der Gläubigen und dem von vielen empfundenen Mangel an Zuwendung gnädig entgegenkommender Allesumarmer, Allesumfasser, Allesversöhner. Aber verglichen mit wirklich großen Persönlichkeiten, groß auch und gerade im Hinblick auf ihr Eintreten für den außermenschlichen Teil der Schöpfung, ist Bergoglio/Franziskus eine kleine Nummer, eine unbedeutende Erscheinung in der Geschichte des Verhältnisses der Menschheit zum Tier, zur Natur.

Man denke nur an Albert Schweitzer, der die Berücksichtigung der gesamten Natur geradezu zum Kriterium einer Ethik, die diesen Namen verdient, erhoben hat. „Ethisch ist der Mensch nur, wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und des Tieres wie das des Menschen, heilig ist … wenn er der Nötigung gehorcht, allem Leben, dem er beistehen kann, zu helfen, und sich scheut, irgend etwas Lebendigem Schaden zu tun … Das Leben als solches ist ihm heilig … Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt“. Der Mensch müsse sich begreifen als ein Wesen in unzertrennlicher Solidarität mit allem, was da west und lebt, als ein Wesen, das von sich sagen kann: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“.

Und während die große Persönlichkeit des genialen Philosophen, Theologen, Ethikers und Musikers Schweitzer ihre theoretischen Maximen auch in die Praxis umsetzte, indem er als Arzt von Lambarene in einem Teil Afrikas aufopferungsvoll und selbstlos Leben rettete und heilte, beschränkt sich Franziskus I. auf Aktionssymbolismus, auf symbolische Gesten, die die allzu glaubensbereiten, allzu glaubenssüchtigen Massen zu der Illusion verleiten, diese Gesten seien bereits reale Taten der Hilfeleistung und Notlinderung. Showmaster Franziskus macht es sich leicht und triumphiert trotzdem!

Auch mit einem anderen Großen, dem Physiker Albert Einstein, kann der Papst nicht mithalten. Trotz seiner Zeit und Kraft absorbierenden Fokussierung auf die wichtigsten theoretischen Probleme der Physik bewahrte Einstein stets Verstand, Gefühl und Engagement für das von Menschen verursachte Elend der Tiere, das die meisten Herren der Kirche inklusive Papst absolut kalt lässt. Die mit dem Fleisch von Tieren überreich gedeckten Tafeln der Oberschicht der Kirche, der Päpste, Kardinäle, Bischöfe, Prälaten usw. bei ihren diversen internen, Laien fernhaltenden Festen bezeugen diese Kälte zusätzlich.

Auch Papst Franziskus lässt sich natürlich, wie sein Spitzenbiograph Englisch vermeldet, gern mal einen Kalbsbraten servieren. Wie hoch über dem Bild, das uns die Führungsschicht der Kirche bietet, steht doch der geniale Schöpfer der Allgemeinen und der Speziellen Relativitäts-theorie, wenn er betont: „Nur das Leben im Dienst andrer ist ein lebenswertes Leben“, wobei er den Bereich dieses Dienstes auf alles Leben ausweitet: „Leben des Individuums hat nur Sinn im Dienst der Verschönerung und Veredelung des Lebens alles Lebendigen. Leben ist heilig, d.h. der höchste Wert, von dem alle Wertungen abhängen“. Wichtig sei „die Heiligung des über-individuellen Lebens“, also des Lebens, das über das individuelle Ego hinausgehe und auch die Tiere und Pflanzen umfasse. Nur so sei auch die fortschreitende Vergeistigung der Menschheit möglich.

Während die hohe Geistlichkeit beider Konfessionen mit feierlichen Hubertusmessen das Gemetzel an den wildlebenden Tieren segnet, umrahmt und gutheißt, verurteilte Einstein auch die „Lust am Töten“, die mit der Jagd verbunden ist, „empfindet er beim Gedanken an eine Jagdpartie einen starken und unmittelbaren Abscheu, während ich doch bei so vielen meiner Mitmenschen … eine ganz entgegengesetzte seelische Reaktion vorfinde. Ich weiß, dass diese tiefgehende Diskrepanz von Menschen meiner Art als tragisch empfunden wird“. Einstein konstatiert einen Einfluss der seelischen Haltung gegenüber der Tierwelt „auch auf das gefühlsmäßige Verhalten der Menschen gegeneinander“. Kurz und prägnant hat es der von Einstein hochverehrte Philosoph Arthur Schopenhauer auf den Punkt gebracht: „Wer gegen Tiere grausam ist, kann kein guter Mensch sein“.

Eindeutig erklärt sich Einstein zugunsten einer vegetarischen Ernährungsweise: „Nichts wird die Chance auf ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung“. Aber er meint es nicht bloß ökologisch-ökonomisch, sondern auch in dem Sinn, dass die fleischlose Kost vergeistigend, humanisierend wirkt: „Rein durch ihre physische Wirkung auf das menschliche Temperament würde die vegetarische Lebensweise das Schicksal der Menschheit äußerst positiv beeinflussen können.“

Einstein hat recht. Fleischkonsum verdunkelt, verhärtet, desensibilisiert den inneren Menschen, unser tiefstes Selbst. Wie kann man aber auch eine wirkliche Humanität, eine echte Mitmenschlichkeit und überhaupt die eigene Vervollkommnung ansteuern und halbwegs verwirklichen, wenn man zugleich weiß, dass man seine Schwestern und Brüder, die Tiere tötet? Es ist unmöglich, eine höhere geistige Note seiner Persönlichkeit zu erreichen, wenn man Tiere quält, verletzt, ausbeutet, jagt, schlachtet, in welcher Form auch immer misshandelt.

Aber Kirche, das beweist auch der Bergoglio-Papst, der sich zu Unrecht den Namen des tierliebenden Mönchs Franz von Assisi zugelegt hat, will den Menschen im Grunde gar keine höhere Humanität, Spiritualität, Ethik beibringen, denn das könnte ja dazu führen, dass sie ihre „Hirten“ einerseits, ihren Status als gehorsame „Schafe“ andererseits in Frage stellen. Nein, Kirche ist und bleibt primär Kirche für die Masse, und deshalb wird ihr auch der Papst keinen Verzicht auf Fleischkonsum nahelegen, weil dieser Konsum geradezu konstitutiv zur Definition der Masse gehört.

Unter diesem Aspekt der zügellosen Fleischgier sind allerdings auch die meisten Herren der Kirche Massenmenschen! Noch ein dritter Großer, wahrscheinlich der Größte unter ihnen, sei hier erwähnt, weil er ebenfalls, ja ganz besonders durch seine Theorie und Praxis die Kleinheit jeder kirchenabhängigen Persönlichkeit und die Beschränktheit ihrer anthropozentrischen Sicht der Welt anschaulich werden lässt: Mahatma Gandhi. Von ihm sagt Einstein: „Künftige Generationen werden es kaum glauben können, dass ein Mensch wie er jemals in Fleisch und Blut auf dieser Erde wandelte“.

Kraft seines gewaltfreien, auch langjährige Haft, Schläge und Folterungen in Kauf nehmenden Widerstandes gegen das britische Empire zwang er dieses zur Aufgabe seiner Herrschaft über Indien. Er brachte das uralte hinduistische und buddhistische Prinzip der ahimsa, der Nicht-Gewalt, des Nicht-Tötens, Nicht-Verletzens von allem, was lebt, durch sein selbstloses Handeln und Leiden zu neuer, alles überstrahlender Leuchtkraft (wiewohl auch er wusste, dass selbst der Unschuldigste sich, wenn auch relativ minimal, schuldig macht, wenn er Pflanzenkost, ohne die er nicht leben kann, zu sich nimmt).

Er selbst sah die Quelle seiner Kraft in der schon erwähnten ahimsa und der satjagrah, dem liebenden, entschlossenen, mutigen Ergreifen (agrah) der radikalen Wahrheit (satja), das auch nicht davor zurückschreckte, unpopuläre Entscheidungen zu treffen, die im Extremfall dann auch zum Tod führen können.

Bekanntlich hat Gandhi seine unbestechliche Prinzipienfestigkeit mit dem Leben bezahlt. Ein verblendeter Fanatiker tötete ihn. Mit seinem Leben und Sterben bewies Gandhi die von ihm verwirklichte Einheit von Theorie und Praxis. Kein Wort kam von ihm, das er nicht durch die Praxis seines Lebens bestätigt hätte. Er starb für die Wahrheit seiner Überzeugung, dass „ein Mensch nicht wahr sein kann, wenn er nicht alle Geschöpfe liebt“, dass „Wahrheit und Liebe daher zusammen die vollständige Selbstaufopferung sind.“

Zwar redet auch Papst Franziskus immer wieder von totaler Liebe und Bereitschaft zur Selbstaufopferung. Aber wenn das mehr als Worte sein sollten, müsste er sofort die Strukturen der absolutistischen päpstlichen Monarchie inklusive der total korrupten Kurie und die mit allen kapitalistischen Cliquen und mafiosen Korporationen kollaborierende Vatikanbank abschaffen bzw. auflösen. Damit riskierte er zwar auch Attentat und Tod, was man keinem zumuten kann, ausgenommen dem, der ständig wie der Papst davon spricht, dass wahre Liebe zu Gott und seiner Kirche auch den Tod in Kauf nehmen müsse, der als schlagendster Beweis dieser Liebe zu gelten habe.

Und damit sind wir wieder bei der Heuchelei der frommen Phrasen, der großen Worte, die durch keine Tat gedeckt werden und dem christlichen Klerus so leicht von den Lippen rutschen. Genau das hat Gandhi angeprangert: „Ich bin davon überzeugt, dass das Europa von heute nicht den Geist Gottes oder des Christentums verwirklicht, sondern den Geist Satans. Und der Satan hat den größten Erfolg, wo er mit dem Namen Gottes auf den Lippen auftritt. Europa ist heute nur noch dem Namen nach christlich. In Wirklichkeit betet es den Mammon an: ‚Leichter kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in das Reich Gottes‘. Das sind Worte Christi. Seine sogenannten Anhänger messen ihren moralischen Fortschritt an ihrem materiellen Besitz“. Einer der Kommentatoren dieser Aussage Gandhis bekräftigt noch: „Es ist der christlich geprägte Kulturkreis, der die Welt an den Abgrund der Selbstvernichtung geführt hat“.

Zwar macht der Papst viel Aufhebens um seine Armutstheologie, die dem Eindruck, die Kirche diene dem Mammon, entgegenwirken soll, aber wir haben auch diesbezüglich längst erkannt, dass ebenfalls in diesem Punkt die Phraseologie die Herrschaft über die tatsächliche Praxis behält.

Es ist außerordentlich bezeichnend, dass das Papsttum einen, vielleicht sogar den ersten Ökologen der Neuzeit, den Dominikanermönch Giordano Bruno im Jahr 1600 auf dem Scheiterhaufen verbrannt hat. Die Herren der Kirche, auch Papst Franziskus, haben ihm bis heute nicht verziehen, dass er ihr langweilig-düsteres Weltbild durch ein Multiversum von leuchtendster Schönheit und kraftvollster Lebendigkeit ersetzte, dass er allen lebenden Wesen eine gleichwertige und gleichberechtigte Psyche zuordnete. Deshalb „mussten“ sie ihn doch auf dem Altar ihrer irren und starren Dogmatik opfern. Daher wäre es doch endlich wenigstens eine einzige praktische und praktikable ökologische Aktion seitens des Papstes, wenn er Giordano Bruno jetzt feierlich urbi et orbi zum echten Märtyrer der Wahrheit und Vorbild für alle ökologisch Gesinnten erheben und ihn endlich vom immer noch auf ihm lastenden Kirchenbann, von jeglicher Exkommunikation und Suspension befreien würde!

Quelle: Humanistischer Pressedienst auf http://www.hpd.de

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