Warum Menschen Fleisch essen, aber das Schlachten verdrängen

Was in einem Schlachthof passiert, ist kein Geheimnis. Nur anschauen wollen es sich viele nicht, obwohl sie Fleisch essen. Auch über dementsprechende Fotos sind viele dieser Fleischesser nicht selten schockiert. Derartige Bilder zeigen jedoch keine Missstände in der Lebensmittelindustrie auf und sie gehören auch zu keinem Skandal in der Landwirtschaft. Auch dokumentieren sie keine ungewöhnliche Brutalität und schon gar keine strafrechtlich zu belangende Tierquälerei, sondern zeigen einen alltäglichen Vorgang – einen Vorgang, der in Deutschland allein in den ersten drei Monaten 2015 insgesamt 15 Millionen Mal, also im Schnitt 166 667 Mal täglich, stattgefunden hat: die Schlachtung eines Schweins oder anderen Tieres zur Fleischgewinnung. Und all das, was auf diesen Fotos zu sehen ist, dient nur dazu, das Bedürfnis von Millionen von Deutschen zu befriedigen.

Schlachtprozess Vom Tier zum Fleisch
(Foto: Joachim Sobek)
Von Markus C. Schulte von Drach:

Das Schnitzel war einmal ein Kälbchen. So viel ist uns meist bewusst. Aber wie ist es eigentlich gestorben? Damit beschäftigen sich viele Menschen nicht, obwohl sie das Produkt Tier sehr schätzen: Ein Deutscher isst im Schnitt 60 Kilogramm Fleisch im Jahr – die Industrie verdient hierzulande Milliarden Euro. In den kommenden Tagen nähert sich die Süddeutsche Zeitung dem Thema „Tiere töten“ aus verschiedenen Blickwinkeln: vom unüberschaubaren System der Produktion über moralische Bauern bis hin zur Frage, warum so viele Menschen kein Problem mit dem Verzehr eines Tieres – wohl aber mit seinem Tod haben.

Es scheint, als sollte das Töten und Schlachten im Verborgenen stattfinden. Warum eigentlich? Was in den deutschen Schlachthöfen geschieht, ist schließlich kein Geheimnis. Die Gesellschaft billigt nicht nur das Töten von Tieren. Die große Mehrheit will sogar, dass genau das passiert – und zwar genauso so, wie diese Bilder es zeigen: Tiere werden auf eine Weise betäubt und entblutet, die für sie nur gerade so belastend – oder qualvoll – ist, wie es die industrielle Fleischproduktion notwendig macht und wie es Gesetze zulassen. Die Mehrheit will es, weil so gewährleistet ist, dass die Bevölkerung viel und bezahlbare Fleisch- und Wurstwaren in den Regalen der Metzger und Supermärkte findet.

Es ist in Europa lange her, dass jemand, der Fleisch wollte, ein Tier selbst töten musste. Ausnahmen sind heute noch Jäger, Angler und Menschen, die sich selbst oder, wie Metzger, andere mit Fleisch versorgen. Insbesondere seit der Industrialisierung der Fleischproduktion und dem Töten der Tiere in riesigen Schlachthöfen spielt das Schlachten im Leben der meisten Menschen keine Rolle mehr. Die Produkte liegen fertig in der Metzgerei oder zunehmend fertig abgepackt und eingeschweißt in den Supermärkten. Wenn man als Kunde Tiere sieht, dann fotografierte, lebendige, sich augenscheinlich wohlfühlende. Sie lösen kaum eine Assoziation aus mit einem Stück Lende oder Currywurst. Sie haben auch wenig mit dem Leben der meisten Schlachttiere zu tun.

Wir assoziieren mit den Produkten vor allem den Geschmack und den Genuss des Essens – eine positive Assoziation, die schon Kinder früh lernen. Wir gewöhnen uns daran, dass Fleisch verfügbar und bequem zu kaufen ist. Und wir stellen kaum noch den Zusammenhang her zwischen dem Essen und dem Leid und Tod des Tieres – was für viele eine negative Assoziation wäre.

Die meisten Menschen sehen schon die lebenden Nutztiere in der Realität nur noch selten oder gar nicht mehr. Nur ein Bruchteil der Verbraucher besucht Bauernhöfe und wählt das zu schlachtende Tier selbst aus. Noch weniger bleiben bis zur Tötung. Selbst hier wird also die Verbindung Tier-Töten-Fleisch in der Wahrnehmung unterbrochen.

Die Assoziation zwischen Produkt und Tod stellen die meisten nur noch schwach, wenn überhaupt her. Wo sie auftaucht, ist sie kulturell gefärbt: Nutztiere, so haben wir es gelernt, sind zum Essen da, während etwa Hunde unsere treuesten Freunde sind. Dieses Phänomen ist so dominant, dass die US-Psychologin Melanie Joy dafür einen eigenen Begriff vorgeschlagen hat: Karnismus.

Dazu kommt, dass wir die Folgen von Gewalt insgesamt, auch gegen Menschen, in unserem Alltag nur noch selten sehen. Reale Opfer von Kriegen oder Verbrechen zeigen die Medien meist nur aus der Distanz oder beschränken sich auf Blutlachen. Gewalt in Spielfilmen wird meist zurückhaltend gezeigt und von uns auch als fiktiv erkannt. Es ist zumindest in Westeuropa also gewissermaßen normal, von drastischen Gewaltdarstellungen verschont zu bleiben.

Und dann konfrontieren uns Bilder vom Schlachten unmittelbar mit dem Leid und Tod eines empfindungsfähigen Wesens. Den Schnitt in Hals, Muskeln und Sehnen, den Haken im Fleisch, die Gedärme, die aus der Leibeshöhle quellen, assoziieren wir mit Gewalt und Schmerzen – Betäubung hin oder her. Und bei vielen Menschen wird Ekel ausgelöst.

Wer nun mit Fleischprodukten kaum noch die lebenden Tiere und ihr Sterben assoziiert und überhaupt selten mit den Folgen von Gewalt konfrontiert wurde, für den kann, ja muss diese Konfrontation mit den Folgen der Ernährung ein Schock sein. Ein Schock übrigens, der auch auf Empathie hinweist, auf Mitgefühl und Mitleid. Die Erfahrung lehrt allerdings, dass man sich an solche Bilder gewöhnen kann, genauso wie an das Töten von Tieren selbst. Begriffe, die diesen Prozess beschreiben, sind Habituation und Adaption, aber auch Desensibilisierung und, um es drastisch auszudrücken: Abstumpfung.

Fazit:
Wer Fleisch konsumieren will, sollte sich auch mit den Folgen auseinandersetzen und dann entscheiden, ob er dafür mitverantwortlich sein möchte.

Quelle: aus der Süddeutschen Zeitung auf www.sueddeutsche.de

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