Bekenntnisse und Erinnerungen eines Vegetariers (Teil 1)

Doch, es hat einen gewissen Fortschritt gegeben. Der Vegetarier wird endlich nicht mehr als eine Art seltsames Tier betrachtet, als Objekt wissenschaftlicher Neugier und dümmlichen Staunens. Die vegetarische Ernährungsweise wird heute allgemein verstanden, obschon nur eine kleine Minderheit danach lebt; nach strengem Maßstab tatsächlich nur sehr wenige. In meinem Umkreis haben sich jedenfalls die inquisitorischen Fragen verloren, unter denen ich lange zu leiden hatte: „Warum denn? Und was isst du stattdessen? Woher nehmen Sie die Proteine? Sind es gesundheitliche oder gefühlsmäßige Gründe?“
Auch nicht mal gelegentlich: „Was! Nicht mal Fisch?! Hast du nicht manchmal Lust auf ein Steak?“                                                                                  

Das Wort Steak wird immer von dem Adjektiv »schön« begleitet. Der Italiener sagt automatisch »eins schönes Steak«. Ich weiß nicht, welche Art Schönheit einem Steak zuzusprechen ist, mir scheint es ziemlich weit entfernt von der Beatrice des Guido Reni oder der Kathedrale von Trani. Also wirklich, es wurde langsam lästig, ständig auf derlei Geschwätz eingehen zu müssen, zumal über drei Viertel der menschlichen Beziehungen aus Smalltalk bestehen und man so über drei Viertel davon mit der Beantwortung (meist) idiotischer Fragen verbringt. Ich sage nicht, dass mir überhaupt keine derartigen Fragen mehr gestellt werden, aber »Einst war ich jung, jetzt bin ich alt« (Psalm 37) – die Schwärmzeit jener Stechmücken ist vorbei, sie lassen sich nur noch selten vernehmen. Auch in den nicht-vegetarischen Restaurants wird heute der Gast, der erklärt, dass er kein Fleisch möchte, nicht mehr wie eine Küchenschabe angesehen.

Es war ein Kreuzweg, jetzt ist Auferstehung. Es handelt sich um eine Veränderung von der Art, die man in hochgestochenen Reden als »epochal« zu bezeichnen pflegt. Wahrhaftig, es ist schon eingetreten, das New Age! Da hat es einen beträchtlichen Wandel gegeben in den versteinerten Gewohnheiten des gastronomischen Gefildes. Der Kellner, der die Bestellung aufnimmt, verzieht nicht mehr den Mund in unsagbarem Widerwillen vor dem armen Schlucker, der nicht in einem Meer von »Schönen Steaks« herumrudert. Aber wie viele Demütigungen! Wie viele Verlegenheiten! Manchmal warst du sogar gezwungen, dich zu rechtfertigen: »Wissen Sie, meine Leber…!« Eine Leber, die einen Dorsch neidisch machen könnte – aber dem Kellner, dem Maître, gegenüber musste man ein Bild des Verfalls abgeben. Die Leber war an allem schuld… Du warst vielleicht nicht sehr glaubwürdig, aber wenigstens konntest du so ein Minimum an Akzeptanz bewirken.             

Und dieses Jahr ist nun das vierzigste meines Lebens als Vegetarier; ich habe es zu meiner Genugtuung – jedenfalls, was das anbetrifft – bei völliger körperlicher und geistiger Gesundheit erreicht. Anfangs hatte unser ausgezeichneter Hausarzt nur den Kopf geschüttelt und mir eine baldige Anämie mit tödlichem Ausgang vorhergesagt. Besorgte Gesichter um mich herum: »Aber hör nicht auf einen Schlag auf! Du erholst dich nie mehr davon!« Nun, ich war nicht der Asket Ramakrishna: ich hörte schrittweise auf, ich war nicht einmal sicher, ob ich es ganz schaffen würde. Fleisch, auf bestimmte Arten zubereitet, schmeckte mir durchaus.
                                                                                  
Mit Van Goghs armseligen »Kartoffelessern« fühle ich eine gewisse Verwandtschaft, aber Fischesser (die Hälfte der Welt und mehr) erscheinen mir wie Außerirdische, obwohl ich hin und wieder, wenn es sich ergibt, menschliche Worte mit ihnen wechsle. Seltsamerweise ziehen mich aber Fischbratstuben am Meeresstrand an, dieser Strudel des Lebens, dieses Gewimmel von Existenzen, wohl weil leben dasselbe ist wie angeschmiert und »verbraten« werden – und keine Pfanne dafür ausreicht.                                     
Und noch eine Botschaft gibt es – ich möchte diese appetitanregende zweite Jahrhunderthälfte dafür preisen: überall entstehen rein vegetarische Restaurants! Die Städte, die keine haben, sind tote Städte. Der Aufenthalt in einem vegetarischen Restaurant, mitten in den Grässlichkeiten der Stadt, gleicht einer belebenden Liebkosung. Wie viele habe ich entstehen sehen! Ach, manche haben sich nicht halten können und wurden dahingerafft von der Unbarmherzigkeit ihrer Umgebung, vielleicht von der Verzagtheit ihrer eigenen Pioniere, ihrer Wegbereiter. Aber jetzt ist der Weg frei und fast schon eben.
                                                                                                            
Meist handelt es sich um Clubs, hinter denen Vereinigungen stehen und auch Ideen. Der Eurovegetarismus ist äußerst vielfältig, je nach Klima und lokalem Geschmack. Wer das nicht ausprobiert, weiß nicht, was die wahre Küche ist, denn oft nisten an diesen bescheidenen Orten kleine Köchinnen aus dem Paradiso Deliciano. Erlesene Gerichte! Süßspeisen, die nostalgisch machen, ohne das infame Schmalz, ohne Ströme von Glukose, ohne im Hinterhalt lauerndes Cholesterin. Fast immer zu Studentenpreisen und mit einer Bedienung, die einen nicht mit ihrer Langsamkeit zur Verzweiflung treibt; oder mit einer Selbstbedienungsbar, was eine ideale Form ist. Die Inhaltsstoffe sind »biologisch«, wenn auch nicht immer. Der Fluch der chemischen Behandlung von Lebensmitteln ist nicht so leicht auszutreiben. Das Bestmögliche findet man, wenn in einem vegetarischen Restaurant die goldene Regel »Nicht rauchen!« herrscht. Vegetarisch essen inmitten von Rauchwolken ist so, als ob man an einer angebrannten Schnitte kaut. Es ist mir unbegreiflich, warum jemand sich bei Tisch eine Zigarette anzündet, außer bei geschäftlichen und politischen Abendessen, wo ohnehin alles in Rauch aufgeht.
                                                                                          
Unter den Jugendlichen tendieren viele zum Vegetarismus, und die Zahl derer, die ihn endgültig annehmen, wird immer größer. Wenn ich Arbeitsplätze zu vergeben hätte, würde ich diejenigen bevorzugen, die streng vegetarisch leben. Nicht aus ideologischer Verblendung oder aus Intoleranz gegenüber den konformistischen Allesfressern, (man muss schließlich, bei allem Misstrauen, mit den Omnivoren zusammenleben), sondern weil das eine gewisse Garantie bietet, dass sie nicht gewalttätig sind und moralische Stärke besitzen. Sie sind weniger vergiftet – und vielleicht haben sie sogar ein Herz… Weniger Verunreinigungen des Stoffwechsels, weniger Verhärtung des Herzens. Die Achtung vor dem Leben des Tieres ist ein starkes Kriterium, um Menschen zu beurteilen. Es lohnt sich, über die noch immer aktuellen »Four stages of cruelty« von William Hogarth nachzudenken: der Tierquäler endet als Frauenmörder und schließlich, nachdem er gehängt worden ist, auf dem Anatomietisch, zum Vergnügen der Ärzte, die ihn ausweiden. Doch schon die Gleichgültigkeit gegenüber den Massakern an Rindern und all den anderen Tieren, das Nicht-daran-denken, die Verdrängung der Realität des Schlachthofes, stellt ein bedenkliches Symptom moralischer Verstopfung dar. Den Betrieben, die sich über ihre künftigen Mitarbeiter zu informieren suchen, sie ausspionieren, würde ich empfehlen, sich (hinter dem Rücken der Gewerkschaft) vor allem danach zu erkundigen, was die jungen Menschen ihrer Wahl essen.

Fortsetzung folgt …..

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2 Kommentare zu “Bekenntnisse und Erinnerungen eines Vegetariers (Teil 1)

  1. Leider vergessen die Vegetarier, die Milch, Käse, Butter usw. genießen, dass dahinter auch ein „schönes Steak“ liegt.

    • Liebe Ursel,
      die Entscheidung zur fleischlosen Ernährung ist Folge eines Umdenkens und somit zunächst erst einmal ein positiver, begrüssenswerter Schritt eines bisherigen Fleisch(fr)essers. Natürlich hast Du recht mit Deiner kritischen Anmerkung, denn alsbald sollte dem Verzicht auf Fleisch auch der Verzicht auf alle anderen Tierqualprodukte folgen, sonst ist und bleibt der Vegetarismus nur eine halbe, inkonsequente und fragwürdige Lebensweise.
      LG – Wolfgang

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