Metzger, Jäger und Co. (Teil 3)

Fortsetzung und letzter Teil des Essays von Dr. Gunter Bleibohm :

Das Problem ist, dass die Menschheit die Tierwelt in all ihren Formen, in ihren Arten ausdrücklich erhalten will, um den Status des permanenten Vernichtungskrieges, eine Art Fließgleichgewicht des Schreckens, gegen sie aufrecht erhalten und weiter führen zu können. Dieses Wollen resultiert im Kern aber aus den rein ökonomischen Interessen der Touristik-, Waffen- und Tiervermarktungsindustrie mit der hintergründigen Absicht, dass nachkommende Generationen am kostenlosen Selbstbedienungsladen Natur dauerhaft weiter verdienen und sich delektieren können.

Im modernen Sprachgebrauch – als ethisches Postulat vorgeschoben – nennt man es Artenschutz, wobei  Artenschützer in der Regel Leute sind, man denke nur an Betreiber von Tierparks und Zoos, die der Ethik und dem Tierschutz meist gleichgültig gegenüber stehen; Nutztiere, deren Art nicht bedroht ist, sind ihnen normalerweise nicht erwähnenswert. Tiervernichtungskrieg als organisierte Unterhaltungs-Industrie der kanalisierten Menschenaggression, mit gemeinnützig staatlicher Förderung und gewollter Ablenkungswirkung für die Massen, rundet das Bild. Die Formen der Ausbeutung in diesem Sektor reichen vom Reitsport und Hundeschlittenrennen bis zu den Tötungssportarten des Angelsports, der Sportfischerei und des Stierkampf als kulturelles Erbe.

In der Massenmenschenwelt, in einer Welt der Menschenmassen mit ihren genormten Denkkategorien, werden freie Geister, denen diese Zusammenhänge, Abläufe und Konsequenzen bekannt und bewusst sind, bestenfalls ignoriert, zunehmend aber nicht mehr verstanden. Die gesellschaftlich akzeptierte Massenmeinung des Geistesproletariats ist die gültige, ist die herrschende, verbindliche Meinung. Denken und Handeln barbarisiert und nivelliert sich, proportional zum Anwachsen der Menschenmassen, auf einer Stufe niedrigsten Niveaus – des kleinsten gemeinsamen intellektuellen Nenners.

Die fehlende Sicht auf alle Lebensformen zeigt, dass eine Höherentwicklung im Denken und Erkennen nicht stattfindet, würde doch eine Höherentwicklung das Wollen bedeuten, das Leid aller Lebewesen zu mildern, nicht hingegen nur die Milderung des Leides beim Menschen, erkauft mit unsäglicher Verstärkung des Leides der übrigen Lebewesen. Die erfolgreiche Umsetzung dieser Geisteshaltung und Grundhaltung wird zusätzlich durch eine Quelle gespeist, die Sigmund Freud in seiner Schrift vom „Unbehagen in der Kultur“ ausgeführt hat; R. Safranski hat nachstehende Kernpunkte subsumiert.

Der Mensch als Individuum unterliegt einer dreifachen Bedrohung, nämlich dem Verfall des eigenen Körpers, Angriffen der Außenwelt und Gefahren im weitesten Sinne aus der Beziehung zu anderen Menschen. Um sich gegen diese Gefahren zu wappnen, hat er im Laufe seiner Geschichte kulturelle Lebensweisen entwickelt, die ihm Schutz gewähren, die ihm Sicherheit verschaffen. Naturbeherrschung, Bekämpfung von Krankheiten, leben in sicherer Gemeinschaft, Bändigung von Kriegsgefahren sowie lebenserleichternde Annehmlichkeiten wie Heizung, Auto, Telefon etc., definieren die Eckpunkte des kulturellen Rahmens.

Freud stellt fest, dass diese Kultur wiederum selbst Quelle von Leid werden kann und kein dauerhaftes Glück mit sich bringt, welches nur im Inneren des Individuums gefunden werden kann. Das Innere des Menschen wird jedoch von einem permanenten Kampf zwischen Eros und Thanatos, zwischen Sexuallust und Todestrieb bzw. Destruktionstrieb, bewegt. In jeder fortgeschrittenen Kultur muss jedoch bei beiden Trieben auf eine hemmungslose, ungehinderte Triebbefriedigung verzichtet werden, d.h. sowohl Sexualtrieb als auch Destruktionstrieb können nur partiell und zum geringen Teil ausgelebt werden. Da beide Triebe aber immanenter Bestandteil des Individuums sind, kann kein Trieb ausgeschaltet und zum Verschwinden gebracht werden, muss also, um ausgelebt werden zu können, sublimiert werden. Speziell beim Destruktionstrieb ist diese Umlenkung, dieses Verschieben in andere Befriedigungskanäle durch bestimmte Regularien gesellschaftsfähig geworden. Feindbilder, ethnische Minderheiten, Randgruppen und zunehmend auch dem herkömmlichen Weltbild widersprechende ethische Minderheiten dienen als Ventil, auf welche sich Hass und Ablehnung konzentrieren können, sollen, dürfen und müssen.
 
Die Aggressionsenergien des Destruktionstriebes liegen somit im ständigen Kampf mit dem Gewissen, das eine Verletzung gesellschaftlicher Normen aus Angst vor Ächtung in Schranken hält. Hieraus resultiert eine dauerhafte Selbstqual im Individuum, da die vom Gewissen behinderten Triebe, zumindest zeitweise, nach Entladung suchen. Gesucht ist somit das gesellschaftliche, vom Weltbild der herrschenden Kultur abgedeckte Feld, auf dem die Triebentladung stattfinden kann und darf, ist doch, wie Freud feststellt, „das Glücksgefühl bei Befriedigung einer wilden, vom Ich ungebändigten Triebregung unvergleichlich intensiver als das bei Sättigung eines gezähmten Triebes. Die Unwiderstehlichkeit perverser Impulse, vielleicht der Anreiz des verbotenen überhaupt, findet hier eine ökonomische Erklärung“. Waren es in der Geschichte die regelmäßig stattfindende Kriege, die zur Abarbeitung des Destruktionstriebes dienten, sind es heute Autobahnrasereien, in seltenen Fällen Wirtshaushändel, in regelmäßigen Fällen aber Jagdgesellschaften.

Die Jagd ist das heutige Ersatzmittel kriegerischer Auseinandersetzungen, die geförderte, tolerierte und anerkannte Form der Triebentladung, die staatlich gewollte, kirchlich abgesegnete Kanalisierung des individuellen Destruktionstriebes. Die Jagd als Triebentladung, das Gefühl über ein anderes Wesen total verfügen zu können, das sadistische Auskosten der Ohnmacht der Opfer, ist in Friedenszeiten die letzte Möglichkeit, als Bürger ungestraft morden zu dürfen.

Dr. Gunter Bleibohm

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