Die Kuh

Die Kuh

Als kaum die Finsternis anhub zu weichen,
um fünf Uhr früh, im ersten Morgenrot,
schrieb auf der Stirn der Kuh ein Knecht des Kreuzes Zeichen,
band ihr das Halfter um und führte sie zum Tod.

Die Nebel schwebten noch wie feuchte Wollenflocken,
und von der kalten Nacht lag rings das Land noch starr;
aber das Feld ward wach im Klang der Morgenglocken,
grüßte den jungen Tag und lachte wunderbar.

Schweigsame Bauern, die verschlafen nahten,
gingen gebückt dem schweren Tagwerk nach;
auf ihrem Rücken blitzte der Stahl der Spaten,
ein heller Spiegel, in den grauen Tag.

Man hörte Wagenräder scheltend knarren,
alte Gefährte auf dem Pflaster ziehn;
fern schaukelten sich schwere Futterkarren
zwischen den Korn- und Leinenfeldern hin;

die Tore gingen auf an allen Wegen,
der Riegel wich mit knirschend heiserm Schrei;
und Tiere grüßten sich ringsum aus den Gehegen;
und leise brüllend ging die Kuh vorbei.

Rechts schimmert die Unendlichkeit der Weiten;
wie rote Kacheln blitzt es aus dem Grün;
und durch die Dörfer und die Weiler schreiten,
im großen Zickzack lange Straßen hin.

Links hat der Juniwind die weißen Bälle
der Blütenbäume froh zum Spiel gerafft;
darüber lacht des blauen Himmels Helle
auf diesen Ausbruch sommerlicher Kraft.

Dann wendet sich der Weg zum letzten Male.
Das Dorf ist da, das auf der Höhe liegt;
und da, weit offen, steht die Schlächterhalle,
in Wiesen und in Wasser eingefügt.

Die Kuh will nicht die Schwelle überschreiten.
Um sie herum rauscht alles, und sie sieht,
wie man dabei ist, einen Stier zu häuten,
und wie sein Blut am Boden Lachen zieht.

Da hängen Hämmel an der Wand, zerspalten,
verstümmelt liegen Schweine auf dem Stroh,
und da ein schwarzes Kalb, und seines Rumpfes Falten
durchsucht das scharfe Messer tief und roh.

Doch schaut sie durch dies rote Funkenstieben
von fern des jungen Kornfelds zartes Grün,
und brave Rinder sieht, von Mädchen angetrieben,
sie Furchen durch die fette Erde ziehn.

Und endlich, dass das Licht vollkommen werde,
wirft durch des fernen Horizontes Dunst
der große goldne Tag mit sieghafter Gebärde
aufs Land die Flammen seiner Feuersbrunst

und taucht die Felder ein in dichte, schwere Fluten
bis an den Lebenskern, den sein Verlangen sucht,
und küsst sie heiß und toll in tiefen Liebesgluten
und legt in ihren Schoß den Keim zu künft’ger Frucht.

Sie sieht es noch, die Kuh, wie sich die Welt entzündet,
sieht fern die Schelde schimmern, wunderklar,
als jäh das Beil sie trifft und ihr Bewusstsein schwindet,
indeß ihr letzter Blick voll Sonne war.

Emile Verhaeren / 1855-1916

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