Rede zur Tierkörperaktion am 13.12.2014 in Karlsruhe

Ergänzung zum Blogbeitrag vom 14.04.2015 „Unsichtbare Opfer: Tierkörperaktion in Karlsruhe“

Mit freundlicher Genehmigung des Redners und Tierschutzaktivisten Daniel Schneider :

Schweine, Ferkel, Kühe, Kälber, Schafe, Lämmer, Hühner, Küken, Pferde, Pfohlen, Hunde, Welpen, Katzen, Rehe, Hummer, Puten, Fische, Affen, Enten, Gänse, Hasen und millionen weiterer Tiere. Sie alle stehen in Deutschland angeblich unter dem Schutz des Tierschutzgesetzes. Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen.

Tierschutzgesetz §1
„Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“
Animal Rights Watch veröffentlich Bilder aus Niedersachsen. Zu sehen sind verwesende und verwahrloste Schweine. Einige der Schweine haben durch tagelange Vernachlässigung einen fortgeschrittenen Verwesungszustand erreicht. Andere Schweine nagen an ihren noch lebenden Artgenossen. Bei vollem Bewusstsein werden diese von ihren Brüdern und Schwestern gegessen. Kannibalismus nach tagelanger Untätigkeit des Tierhalters.

Tierschutzgesetz §2 Absatz 1
„Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen.“
Die Organisation Animals Liberty befreit im Oktober 2014 2 Füchse aus einer europäischen Pelzfarm. Lumi und Arvo. Gezeichnet von den Qualen in den engen Drahtkäfigen schafften es diese beiden Tiere aus der Hölle der Pelzindustrie. 90 Millionen Brüder und Schwestern schaffen dies nicht. Ein Leben lang eingepfercht in Dratboxen, vegetieren 90 Millionen Füchse, Marder, Nerze und andere Tiere in riesigen Pelzfarmen, ohne ausreichend Platz, ohne Beschäftigung, vorbei an Tierschutzstandards ohne den Hauch einer Chance auf artgerechtes Leben.

Tierschutzgesetz §2 Absatz 2
„Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden.“
Die Organisation Animal Rights Watch dokumentiert im Juli 2014 eklatante Verstöße gegen das Tierschutzgesetz in einer Zucht- und Mastanlage in Sachsen-Anhalt. Zuchtsauen werden zu tausenden systematisch monatelang bewegungslos in winzigen Kastenständen fixiert. Eine übliche Praxis in der Schweinezucht. Muttertiere werden dabei in sogenannten Abferkelbuchten in enge Käfiggestelle gepresst und so bewegungsunfähig gehalten. Monatelang verharren die Muttertiere fixiert in den Käfigen, ohne sich dabei umdrehen zu können, geschweige denn mit ihren eigenen Kindern in Berührung kommen zu dürfen.

Tierschutzgesetz §2 Absatz 3
„Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, muß über die (…) erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.“
Die Organisation SOKO Tierschutz deckte im Mai 2014 illegale Putentötungen im Kreis Dillingen auf. Das Gesetz sieht vor, Nottötungen von Tieren über 5 Kg nur mit Bolzenschussgerät und Kehlschnitt durchzuführen. Aufgenommen wurden jedoch Szenen, in denen ein Mitarbeiter die Puten mit einem Knüppelschlag betäubt, um ihnen dann mit einer großen Zange das Genick zu brechen. Dies ist illegal. Dabei anwesend war auch die Putenmästerin selbst, die unter anderem im Kreis Dillingen für den Tierschutz zuständig ist.

Dies alles sind Zeugnisse aktueller deutscher und europäischer Tierhaltung. Gesetze werden missachtet, Tiere misshandelt und fühlende Lebewesen zu Produktionseinheiten degradiert. Maschienenwesen, weil ihre Bedürfnisse keine Rolle spielen. Produkte, weil der Grad ihres Leidens sich am Preis ihres Körpers bemisst. Spielzeug, weil Entertainment in Deutschland profitabler ist als eine artgerechte Unterbringung. Kein einziges Wesen dieser Erde leidet so unermesslich unter der Herrschaft der Menschen wie die Tiere, welche wir als „Nutztiere“ bezeichnen. Egal ob für Fleisch, Milch, Eier, für Pelz, Feinkost oder eine Show, jedes Tier im Dienste des Menschen ist der Willkür und dessen unbändiger Gier nach Konsum ausgeliefert. Vor Jahrhunderten noch Frauen oder Farbige, sind heute die Tiere Sklaven im 21. Jahrhundert.

Stimmlos – Schutzlos – Hoffnungslos.

Jahrhundertelang haben wir Ahnungslos zugesehen, wie sich dieses System der Gewalt in unsere Gesellschaft frisst, ohne auch nur eine Ahnung zu haben was sich dahinter verbirgt. Doch nun sind wir nicht mehr Ahnungslos! Das System, welches sich hinter diesen Gräueltaten verbirgt, hat einen Namen. Speziesismus. Nicht anders als Rassismus oder Sexismus ist es ein System der Ausgrenzung, ein System der Gewalt, welches mit den gleichen Mechanismen operiert, um Ausbeutung und Tod zu legitimieren und die Opfer dieses Systems unsichtbar zu machen.

Der Speziesismus macht uns glauben, dass Tiere weniger Wert sind als Menschen. Wir fragen warum? Sie fühlen, sie leiden, sie denken, sie vermissen, sie sterben… genau wie wir. Speziesismus, eine Ideologie der Ungerechtigkeit getragen und geschützt vom noch viel unglaubwürdigeren Bruder – dem Karnismus.

Der Karnismus macht uns glauben, es sei normal Katzen und Hunde zu streicheln, Kühe und Schweine aber zu essen? Wir fragen warum? Wer hat eigentlich beschlossen, dass Hunde schutzbedürftiger sind als ebenso intelligente und sensible Wesen wie Schweine oder Hühner? Ist das nicht irgendwie… unrecht? Der Karnismus macht uns auch glauben, es sei notwendig tierische Produkte wie Fleisch, Eier und Milch zu konsumieren? Aber warum stehen dann 26 von mittlerweile deutschlandweit über EINE Million gesunden vegan-lebenden Menschen hier auf diesem Platz? Ist das nicht irgendwie… merkwürdig?

Kann es sein, dass 99% der Bevölkerung einer Ideologie folgen, die voller Widersprüche ist? Ja. Denn bei genauerer Betrachtung gibt es keinen hinreichend plausiblen Grund, Tiere für geschmackliche Präferenzen zu töten. Es gibt keine logische Erklärung dafür, diese Trennlinie zwischen Haustier und Nutztier zu ziehen. Genauso wenig gibt es eine evolutionäre Vormachtstellung des Menschen, die ihm erlaubt, den Planeten mit samt seiner Flora und Fauna bis zur Erschöpfung auszubeuten. Das alles passiert aus Ignoranz, Profitstreben und dem Glaube daran alles unterdrücken zu dürfen, was schwächer, kleiner oder stimmloser ist, als man selbst.

Das gesamte Konsumverhalten unserer westlichen Gesellschaft fußt auf dem Irrglaube des Speziesismus und des Karnismus. Fußt auf dem Leitsatz: Sie sind anders, also ist ihr Leben weniger Wert. Der Karnismus sorgt letztendlich auch dafür, dass die Opfer der Nutztierindustrie für unsere Augen unsichtbar bleiben. Bedenkt man, dass die meisten der von uns geschlachteten Tiere nicht mal ein Bruchteil ihrer Lebenserwartung erreicht haben und deswegen noch Kinder sind, glaubt man wohl kaum noch an den Mythos eines artgerechten Lebens.

Würde man vor dem Verzehr das Schwein oder das Huhn mit all seinen Charakterzügen, seinen Eigenarten und seiner Freude am Leben kennenlernen, dann würde wohl kaum einer selbst zum Messer greifen. Das Grauen, das Leid und die Ungerechtigkeit an diesem System versteckt sich hinter Supermarktettiketen und Tierwohllabels.

Obwohl es unsagbar schwer ist, stehen wir heute hier, um den Opfern dieser Industrie ein Gesicht zu geben. Um zu zeigen, dass real fühlende Lebewesen, mit Familie und eigener Vergangenheit, nach einem leidvollem Leben einen grausamen und vor allem sinnlosen Tod sterben mussten.

Obwohl wir es selbst kaum aushalten, stehen wir heute hier, um zu zeigen, dass hinter Fleisch, Milch, Eier und anderen Tierprodukten Lebewesen mit Gefühlen und eigenen Bedürfnissen stecken. Einfache Bedürfnisse, wie dem zu Leben unter Familie und Artgenossen, die systematisch missachtet werden. Wir brechen heute das Schweigen und entfernen den Schleier der Unwissenheit, aufdass jeder die Möglichkeit bekommt eine Entscheidung mit Herz und Verstand zu treffen – eine Entscheidung für oder gegen das Leben.

Es mag fast naiv scheinen, jetzt noch von Hoffnung zu sprechen. Doch gibt es Hoffnung. Ihr, die ihr heute hier steht, tragt die Hoffnung in euch. Jeder einzelne. Denn an jedem Tag trefft ihr eine Entscheidung. Für oder gegen das Leben. Habt Mut euch euren eigenen Verstandes zu bedienen, forderte schon Kant. Doch was noch viel wichtiger ist. Habt Mut eure Herzen zu öffnen. Für alle Wesen dieser Erde.

Erst wenn wir lernen zu erkennen, dass keine Tierschutzgesetze und keine Tierschutzlabels die Tiere schützen, sondern nur wir selbst das können.

Erst wenn wir lernen zu erkennen, dass der Begriff Heimat und Zuhause, für jeden Zirkuselefanten, für jeden Tiger und für jeden Löwen, die gleiche Bedeutung hat wie für uns selbst.

Erst wenn wir lernen zu erkennen, dass hinter jedem Pelzkragen und jeder Pelzbommel einmal ein Wesen gelebt hat, dessen Nase genauso kalt und feucht war, wie die unserer geliebten Katzen und Hunde.

Erst wenn wir lernen zu erkennen, dass in jedem Stück Fleisch einmal ein winziges Herz schlug, dessen Freude und Glück auch über den kleinsten Sonnenstrahl im Frühling genauso groß gewesen wäre wie unsere Freude.

Erst wenn wir lernen zu erkennen, dass hinter jeder Flasche Milch, der Trennungsschmerz einer liebenden Mutter zu ihrem Kind, genauso schmerzhaft ist, wie für unsere eigenen liebenden Mütter.

Erst dann werden wir erkennen, dass uns alle, Tiere wie Menschen, eines verbindet… Mitgefühl und Liebe.

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