Unsichtbare Opfer: Tierkörperaktion in Karlsruhe

Auch wenn dieser heutige Beitrag über eine Tierschutzaktion berichtet, die längst schon wieder der Vergangenheit angehört, so möchte ich – wenn auch sehr verspätet – trotzdem noch darüber berichten, denn derartige Tierschutzaktivisten verdienen nicht nur meinen ganzen Respekt, sondern erfüllen mich auch immer wieder mit neuer Hoffnung, dass die Tierrechtsbewegung letztlich nicht mehr aufzuhalten ist und für alle geschundenen, versklavten und entrechteten Tiere dieser Erde eines Tages ganz sicherlich ein neuer Morgen anbrechen wird.

Von Daniel Schneider, Aktivist, Publizist und Tierrechtler:

Es waren befremdliche Szenen, die sich bereits schon im Dezember 2014 auf dem Karlsruher Stephanplatz abspielten. Dort standen um die Mittagszeit herum 25 Menschen, alte wie junge, Frauen und Männer in blauen Ganzkörperanzügen mit einer Anzahl verschiedenster toter Tiere in der Hand.

Tiere die wir mitunter als Nutztiere, Haustiere oder Wildtiere bezeichnen – konkret jedoch waren es 25 Mitgeschöpfe, die nach Aussagen der Aktivisten in Kadavertonnen der Tierindustrie gefunden oder weggeworfen, bei einer Jagd aufgelesen, desinfiziert und eingefroren wurden, um sie nun der Öffentlichkeit vor Augen zu halten – die unsichtbaren Opfer unseres gesellschaftlich anerkannten Speziesismus.

Tiere, die uns Menschen auf unfreiwilliger Weise zum Gebrauch dienen mussten. Für die Produktion von billigem Fleisch oder Eiern, für die Herstellung von Wildbret oder „exquisiter“ Pelzmode oder für den Test verschiedenster toxischer Substanzen. Und weil sich der Wert der Tiere in unserer Gesellschaft nach ihrem Gebrauchswert richtet, bemisst sich das Leid ebendieser am Preis ihres Körpers.

So ist zum Beispiel in der Eierindustrie eine Legehenne im Schnitt nicht mal mehr 10 Cent wert, nachdem sie „profitabel“ ausgebeutet wurde. Und genau deswegen erscheinen regelmäßig alle 4 Wochen schlimme Bilder von verletzten und elendig leidenden Hühnern und Puten in den Medien. Selbstverständlich alles Ausnahmen.

Weil es nicht rentabel ist, schwache und verletzte Tiere tierärztlich zu versorgen, werden sie ihrem Schicksal überlassen oder – wie so oft in Undercoverrecherchen nachgewiesen – betäubungslos erschlagen. In der Statistik der Tierindustrie finden sie dann Erwähnung in der einkalkulierten Sterberate. Diese liegt meist im Bereich von 10 Prozent.

Allein die Worte „einkalkuliert“, „Sterberate“ und „Prozent“ sind ein Armutszeugnis unseres Umgangs mit den Tieren. Aber genau so funktioniert das mit der Massentierhaltung. Jeder ist gegen Massentierhaltung, konsumiert wird jedoch fröhlich weiter.

Die Autorin Melanie Joy nennt als Grund für diese kognitive Dissonanz den Karnismus. Dieser versteckt die Opfer dieses Systems hinter Supermarktetiketten, Tierwohllabels und Begriffen wie „Reinert Bärchenwurst“, anstatt das Produkt beim Namen zu nennen, nämlich mit Natriumisoascorbat durchgedrehter Brei aus Schweine- und Truthahnschlachtabfällen mit Gewürzen. Aber „Bärchenwurst“ klingt eben viel besser und lässt gar nicht erst vermuten, dass diese Tiere nicht einmal ein Bruchteil ihrer Lebenserwartung erreicht haben und deswegen eigentlich noch Kinder sind.

Die Bilder der Aktivisten zeigen uns ein anderes Bild der Tiere. Nicht als Nutztiere oder Produktionseinheiten, sondern als Individuen, um die sie würdevoll trauern und versuchen, ihrem Ableben einen Sinn zu geben und ihren sonst so mehrheitlich ignorierten Stimmen Gehör zu verschaffen.

  • „Erst wenn wir lernen zu erkennen, dass keine Tierschutzgesetze und keine Tierschutzlabels die Tiere schützen, sondern nur wir selbst das können…….
  • Erst wenn wir lernen zu erkennen, dass hinter jedem Pelzkragen und jedem Pelzbommel einmal ein Wesen gelebt hat, dessen Nase genauso kalt und feucht war wie die unserer geliebten Katzen und Hunde……..
  • Erst wenn wir lernen zu erkennen, dass in jedem Stück Fleisch einmal ein winziges Herz schlug, dessen Freude und Glück auch über den kleinsten Sonnenstrahl im Frühling genauso groß gewesen wäre wie unsere Freude……..
  • Erst wenn wir lernen zu erkennen, dass hinter jeder Flasche Milch der Trennungsschmerz einer liebenden Mutter zu ihrem Kind genauso schmerzhaft ist wie für unsere eigenen liebenden Mütter……..
  • Erst dann werden wir erkennen, dass uns alle – Tiere wie Menschen – eines verbindet. nämlich Mitgefühl und Liebe.“

Mit diesen berührenden Worten endete eine der Reden auf dem Platz und ließ die Passanten mit einem Gefühl zurück, etwas tun zu können, nämlich eine Entscheidung mit Verstand und Herz zu treffen – für oder gegen das Leben. Jeden Tag.

Zum nachfolgenden Video:

Mit einer berührenden Aktion haben Tierrechtsaktivisten des „Aktivistenbündnis Karlsruhe“ Mitte Dezember 2014 am Stephanplatz in Karlsruhe auf die Opfer der Nutztierindustrie aufmerksam gemacht. In unserer vom Speziesismus geprägten Gesellschaft bleiben die Opfer der Tierproduktindustrie, egal ob Fleisch-, Milch- oder Eierindustrie, ob Pelz, Leder oder Zirkus, für den Konsumenten unsichtbar und leiden ohne Gehör zu finden. Bei jener Aktion wurden der Öffentlichkeit 25 Opfer dieses Systems vor Augen gehalten. Stellvertretend für Millionen weiterer Tiere, die jährlich für den Konsum tierischer Produkte getötet werden, wurde um sie getrauert.

Auch wurden während der emotionalen Aktion Reden zum Thema Speziesismus und Karnismus gehalten, um die Passanten auf das aufmerksam zu machen, was in unserer Gesellschaft zu oft verschwiegen wird – die Ungerechtigkeit und Widersprüchlichkeit dieses Systems. Der Schleier der Unwissenheit wurde für ein paar Minuten entfernt, aufdass jeder der die Bilder dieser Aktion gesehen hat, die Möglichkeit bekam, eine Entscheidung mit Herz und Verstand zu treffen – eine Entscheidung für oder gegen das Leben.

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