Das stumme Leiden der Pferde (Teil 2)

Fortsetzung des gestrigen Artikels von Karin Wullenweber :

Warum stört das niemanden? Das Bild einer Reihe von Pferdeköpfen, die aus Gittern herausschauen, weckt in den meisten Menschen komischerweise nicht den Mitleid erregenden Eindruck von Käfigen, in denen Tiere bewegungs- und freudlos eingesperrt sind, sondern von Idylle und Tierliebe.

Dass Rennreiter ihre Pferde im Hagel der Gertenschläge in die Zielgerade prügeln, dass Springreiter ihre Pferde zwischen jedem Sprung mit aller Kraft am Zügel reißen, so dass die Pferde in furchtbarem Schmerz die Mäuler aufreißen, dass Dressurpferde mit vor Stress peitschendem Schweif, vor Anstrengung schweißüberströmt, mit von scharfen Kandaren schmerzhaft auf die Brust gezogen Köpfen und mit in den Bauch bollernden Sporen durch die Bahn gequält werden, dass Polopferden in harten Manövern brutal die Hälse verbogen und sie ebenfalls blutig gespornt werden, dass Westernpferde mit Zäumungen, die ihnen leicht den Kiefer brechen könnten, zu extremsten Stopps und Wendungen gedrillt werden: All das scheint niemanden zu stören, ja es wird als edler Sport empfunden und die Tierquäler werden als „Pferdefreunde“ bezeichnet und bewundert.

Warum ist das so? Dafür gibt es viele Gründe, angefangen beim Unwissen der meisten Menschen (auch Reiter!) über die Bedürfnisse und die Leidensbekundungen von Pferden, über gesellschaftliche Normen bis hin zu einer Wahrnehmung, die von Gewohnheit geprägt ist. Seltsam und empörend ist es in jedem Fall.

Leistungssport mit Tieren und auf deren Kosten zu treiben ist grundsätzlich ein Anachronismus, der nicht mehr zulässig sein sollte. Nicht als Leistungsport, sondern als Freizeitvergnügen betrieben, muss Reiten auch nicht zur Tierquälerei werden. Viele Elemente der Dressur dienten ursprünglich dazu, das Pferd so zu gymnastizieren, dass es den Reiter gut tragen kann. Als das zum Sport wurde und sich so von seinem Zweck gelöst hat, wurde es immer brutaler und für das Pferd sinnloser und schädlicher.

Ehrgeiz, Ruhm und Geld, um die es im Sport geht, sind die fatalen Antriebe des Menschen, dem Pferd aber fremd. Viele Pferde lieben es, Aufgaben zu bekommen, sich mit dem Menschen zu beschäftigen, aber unter der Voraussetzung, dass sie freiwillig mitarbeiten dürfen. Freiwilligkeit hat etwas mit freier Wahl zu tun, und nur wenn mit einem Pferd mal wirklich frei (nicht in einer Reithalle oder im Roundpen, sondern auf einer Fläche, auf der sich die Pferde dem Menschen entziehen können), ohne Zaumzeug, ohne Peitsche etc. umgegangen wird, zeigt sich, ob es sich um echte Freiwilligkeit handelt. Und natürlich sind die Grenzen dort, wo natürliche Bewegungen überschritten werden. Einem Pferd kann es Spaß machen, über ein kleines Hindernis zu hüpfen, aber was ist „pferdefreundlich“ daran, es zu Sprüngen zu zwingen, die nur mit größter Anstrengung und jahrelangem hartem Training zu schaffen sind?

Pferde sprinten auch gern mal ein Stück, aber sie zum Zweck von Geldwetten über Gewaltstrecken mit hohem, oft tödlichem Verletzungsrisiko zu jagen muss als tierschutzwidrig verboten werden, denn das fragwürdige Vergnügen und die Geldgier einiger Menschen ist kein „vernünftiger Grund“ für das große Leid der Rennpferde.

Ein anderer, pferdefreundlicher Weg ist möglich, und diesen Weg gehen immer mehr Pferdebesitzer, denen es egal ist, ob ihr Pferd über ein noch höheres Hindernis springen oder eine noch schwierigere Lektion absolvieren kann. Die lieber Geld dafür ausgeben, dass ihr Pferd artgerecht leben kann anstatt für die modischste Reithose. Die den weiteren Weg zu einem gut geführten Offenstall in Kauf nehmen, anstatt den Stall danach auszusuchen, ob er für den Menschen die meisten Vorteile bietet.

Es gibt immer mehr Reiter, die bewusst auf die 24stündige Nutzbarkeit ihres Pferdes verzichten, wenn dies dem Wohl ihres Pferds dient, die ihrem Pferd Herdenleben, Weidegang, Winterfell und Barhufe lassen, auch wenn dies die Nutzung einschränkt. Die ihr Pferd nicht mithilfe von Ausrüstung unter Kontrolle haben wollen, sondern mit ihm möglichst frei und ungezwungen kooperieren wollen. Und das ist letztendlich auch die hohe Kunst des Reitens.

Was können wir tun?
Es wird Zeit, dass Tierschützer und Tierschutzvereine gemeinsam etwas unternehmen gegen die Qual der Pferde. Der große Umwelt-Journalist Horst Stern hatte mit seinem bewegenden Buch „Bemerkungen über Pferde“ in den 70er Jahren deutschlandweit eine große Debatte über den Reitsport ausgelöst – geändert hat sich kaum etwas, nur außerhalb des Sports ist einiges in Bewegung gekommen.

Das Bewusstsein vieler Menschen in Bezug auf Tierschutz, Tierrechte etc. hat sich aber durchaus geändert. Es kommt also nun darauf an, die Missstände im Reitsport flächendeckend offen zu legen, Gesetze zu fordern (in der Schweiz ist eine reine Boxenhaltung bereits verboten), den auf extreme Leistung sowie kommerziellen Gewinn ausgerichteten Pferdesport öffentlich zu ächten und vor allem, das Bewusstsein und die Wahrnehmung der Menschen durch Aufklärung und Information zu schärfen.
Denn wenn das „Winseln, Jaulen und Schreien“ der Pferde von den Menschen wahrgenommen würde, würde der Applaus verstummen und wären viele Pferdesportarten sowie viele Reitställe längst verboten.

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