Arthur Schopenhauer´s ethische Argumente gegen Tierversuche

Diese Worte Schopenhauers sind kennzeichnend für seine Lebensphilosophie, denn in dieser ist das Mitleid gegenüber Mensch und Tier von zentraler Bedeutung. Mitleid überwindet Egoismus und ist daher nach Schopenhauer die Grundlage jeder Ethik.  Eine Ethik, bei der nur das Wohl des eigenen Lebens oder das der eigenen biologischen Art, also des Menschen, im Mittelpunkt steht, ist in Wahrheit keine Ethik, sondern mehr oder weniger Egoismus.

Ein besonders erschütterndes Beispiel für eine solche “Ethik”, welche die Lebensrechte nichtmenschlicher Wesen rücksichtslos mißachtet, sind die Tierversuche. Sie zeigen, wie sehr Menschen gewillt sind, anderen Wesen grauenvollstes Leid zuzufügen, wenn es nur ihren eigenen vermeintlichen Lebensinteressen dient. So werden selbst grausamste Tierversuche mit der Behauptung gerechtfertigt, daß sie zum Wohle der Menschen seien. Eine solche Rechtfertigung lehnte Schopenhauer entschieden ab. In ihr kommt, wie er meinte, eine in der jüdisch-christlichen Tradition wurzelnde Geisteshaltung zum Ausdruck, wonach das Tier nur ein unbeseeltes Etwas ist, eine Sache, die lediglich menschlichem Nutzen zu dienen hat. Tiere seien jedoch, so betonte Schopenhauer,  “kein Fabrikat zu unserem Gebrauch”.

Mit Abscheu las Schopenhauer Berichte von Experimenten des Ernst von Bibra, der zwei Kaninchen verhungern ließ, um die “ganz müßige und unnütze Untersuchung anzustellen, ob durch den Hungertod die chemischen Bestandteile des Gehirns eine Proportionsveränderung erlitten! … Lassen denn diese Herren vom Skalpell und Tiegel sich gar nicht träumen, daß sie zunächst Menschen und sodann Chemiker sind? Wie kann man ruhig schlafen, während man unter Schloß und Riegel harmlose, von der Mutter gesäugte Tiere hat, die einen martervollen langsamen Hungertod erleiden? Schreckt man da nicht auf im Schlaf?”

Vor einigen Jahren berichtete eine Zeitschrift, daß Mitarbeiter eines wissenschaftlichen Instituts in Norddeutschland Kopfhörer tragen, um nicht das Schreien der gequälten Tiere zu hören. Auf diese Weise wollen sie sich vor einer Gefahr schützen, die alle am Tierversuch Beteiligten besonders zu fürchten haben – dem Mitleid. Mitleid, “die ganz unmittelbare Teilnahme am Leiden eines Anderen” (Schopenhauer), darf es in den Labors mit Versuchstieren nicht geben, denn wer an deren Leid ganz unmittelbar Anteil nimmt, ist unfähig zu Tierversuchen, ja er wird zwangsläufig zum entschiedenen Gegner der Vivisektion.

Mitleid, so meinte Schopenhauer, “beruht nicht auf … Religionen, Dogmen, Mythen, Erziehung und Bildung, sondern ist ursprünglich und unmittelbar, liegt in der menschlichen Natur selbst.” Mitleid reißt die Mauer zwischen dem “Ich” und dem “Du” nieder. Es mobilisiert im Menschen ungeahnte Kräfte, durch die Egoismus und Selbstsucht überwunden werden, und bewirkt ein Verhalten, bei dem nicht lediglich das eigene Wohl, sondern das des anderen der entscheidende Beweggrund ist. Daher ist Mitgefühl mit allem, was lebt, weit mehr als nur ein passives Empfinden. Es hängt “mit der Güte des Charakters so genau zusammen, daß man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Tiere grausam ist, kann kein guter Mensch sein” (Schopenhauer).

“Ich muß es aufrichtig gestehn”, schrieb Schopenhauer wenige Jahre  vor seinem Tod, “der Anblick eines jedes Tieres erfreut mich unmittelbar und mir geht dabei das Herz auf.”  Deshalb konnte ihn auch das maßlose Elend der gequälten Versuchstiere nicht unberührt lassen. Schon während seines Studiums, als er Vorlesungen über Physiologie besuchte, wurde ihm sehr deutlich, “was für eine grausame und entsetzliche Sache “ die Vivisektion ist.  Schopenhauer: “Heut zu Tage hält jeder Medikaster sich befugt, in seiner Marterkammer die grausamste Tierquälerei zu betreiben, um Probleme zu entscheiden, deren Lösung längst in Büchern steht…”

Trotz Tierschutzgesetz sind auch heute noch die Tiere rechtlos und damit den Tierexperimentatoren hilflos ausgeliefert. Alle Bemühungen, die rechtliche Stellung der Tiere entscheidend zu verbessern, hatten bisher nur geringen Erfolg. Zunächst muß sich, wie Schopenhauer erkannte, die Einstellung der Menschen zum Tier grundlegend ändern :  “Erst, wenn jene einfache und über allen Zweifeln erhabene Wahrheit, daß die Tiere in der Hauptsache und im Wesentlichen ganz das Selbe sind, was wir sind, in´s Volk gedrungen sein wird, werden die Tiere nicht mehr als rechtlose Wesen dastehn ….  und wird es nicht mehr  jedem Medikaster freistehn, jede abenteuerliche Grille seiner Unwissenheit durch die gräßlichste Qual einer Unzahl Tiere auf die Probe zu stellen.”

Seit Schopenhauers Tod sind mehr als 150 Jahre vergangen. Die Tierversuche haben inzwischen ein Ausmaß erreicht, das sich dieser Philosoph kaum vorstellen konnte. So ist die Arbeit der Tierversuchsgegner notwendiger denn je. Hierfür gibt es wohl keine ethisch tiefere Begründung als das allumfassende Mitgefühl, das Schopenhauer in den Mittelpunkt seiner Lebensphilosophie stellte. Sie ist eine Philosophie, die das Leid der Welt, das sich auch in den Tierversuchen manifestiert, weder rechtfertigt noch beschönigt. Kritiker, die einem oberflächlichen Optimismus huldigen, werfen Schopenhauer deshalb “Pessimismus” vor. Doch “für den wahrhaft Denkenden”, so schrieb der Philosoph Max Horkheimer kurz vor seinem Tod, bedeutet Schopenhauer “einen unendlichen Trost”. Thomas Mann fand bei Schopenhauer “ein Wahrheitserlebnis” wie in keiner anderen Philosophie und meinte, “daß die schopenhauersche Wahrheit … in der letzten Stunde … standzuhalten geeignet ist.” Zu dieser Wahrheit gehört auch eine Erkenntnis, die mit Tierversuchen  völlig unvereinbar ist: “Tiere sind Brüder des Menschen.”

Quelle: http://www.tierrechte-tv.de

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