Geboren und Geschreddert

Weil die heutigen Legehennen so gezüchtet sind, dass an ihnen nicht viel Fleisch „dran“ ist, lohnt es sich nicht für die ausbeuterische und profitorientierte Geflügelindustrie, die männlichen Küken aufzuziehen und zu schlachten. Aus diesem unfassbaren Grund werden immer noch viele männliche Küken direkt nach dem Schlupf aussortiert und in eine Art Häcksler geworfen oder vergast.

Johannes Remmel, Landwirtschaftsminister von NRW, wollte diese Praxis verbieten lassen, jedoch gegen seinen Gesetzesvorstoß klagten umgehend diverse Brütereien und ein Gericht gab ihnen Recht, denn laut Grundgesetz gelte es, die Interessen der Züchter zu schützen, wogegen Landwirtschaftsminister Remmel in Berufung gehen will. „Tiere sind keine Abfallprodukte“, sagte er. „es darf nicht sein, dass aus rein wirtschaftlichen Gründen jedes jahr 50 Millionen Eintagsküken ohne triftigen Grund vergast und geschreddert werden, nur um die Gewinnspanne der Unternehmen zu erhöhen.“

Welch eine Verhöhnung jeglichen Tierleids, einerseits den Tierschutz als Staatsziel ins Grundgesetz aufgenommen zu haben und andererseits der Tierindustrie nach dem Prinzip der Gewinnsteigerung mehr Schutz zuzusprechen als dem Schutz der Tiere. Vergessen wir eines nicht: Hühner können unter normalen Umständen und Verhältnissen bis zu 15 Jahre alt werden. In der Legehennen-Industrie wurden sie allerdings so gezüchtet, dass sie ein Jahr lang wie Roboter-Maschinen Eier legen müssen und schliesslich wegen Tumoren, Legedarmentzündungen und Skelettproblemen so erschöpft sind, dass sie sich nicht mehr „rentieren“ und – kaum ein Jahr alt – als Suppenhühner im Schlachthof und in den Kühlregalen der Supermärkte landen.


Welch ein unmenschlicher, barbarischer, gewissenloser und verbrecherischer Umgang des Menschen mit sogenannten „Nutztieren“! Hilal Sezgin verdeutlicht im  Taz-Artikel „Geboren und geschreddert“, dass wir nicht nur das Schreddern männlicher Küken, sondern in der Konsequenz das gesamte System der Massentierhaltung abschaffen müssen. So schreibt sie unter anderem:

„Man darf Tiere laut Tierschutzgesetz nicht betäubungslos verstümmeln, kastrieren oder manipulieren – außer in all jenen Fällen, wo dies in der Landwirtschaft üblich ist. Einem Hund oder einer Katze dürfte man so etwas nicht antun, „landwirtschaftlichen Nutztieren“ aber sehr wohl: nicht weil es diesen weniger Schmerzen bereitet, sondern eben aus rein wirtschaftlichen Gründen. Eine Betäubung würde das Hinzuziehen eines Tierarztes erforderlich machen, das wäre teurer. Letztlich zeigt sich auch an der wachsenden Empörung vieler Verbraucher, die nicht möchten, dass männliche Eintagsküken sterben, wie gern wir uns die übliche Praxis schönreden oder schöndenken.

Ein sehr kleines Tier wie ein Hühnerküken stirbt recht schnell, wenn es in einen Häcksler geworfen wird. Ein großes Tier wie ein Rind muss zuerst fixiert werden und bekommt dann zur Betäubung den Bolzenschuss angesetzt. Aber schon dieser Begriff der „Betäubung“, der in unserem Tierschutzgesetz verankert ist und so viele Menschen in dem Glauben wiegt, die Tiere würden irgendwie „schonend“ getötet, ist irreführend: Beim Bolzenschuss wird dem Rind der Schädel zerschmettert und nicht immer ist es nach dem ersten Schuss schon tief genug betäubt.

Für die 60 Millionen Schweine, die wir in Deutschland jedes Jahr schlachten, beginnt der Tod mit der Elektrozange oder mit Kohlendioxid. Wieder begegnen wir einem Euphemismus, zum Beispiel dem der „Betäubungsgondel“. In diesen Gondeln werden die Schweine in einen Schacht mit Kohlendioxid hinuntergelassen; 20 Sekunden springen und kämpfen sie noch, dann brechen ihnen die Beine weg, nach 20 weiteren Sekunden verlieren sie das Bewusstsein. Ist das jetzt ein sanfter Tod? Ein schnellerer und „schönerer“ Tod als der im Häcksler?

Die Schwestern der geschredderten Eintagsküken werden noch viel durchmachen müssen, bevor auch sie im Gas oder, häufiger, kopfüber aufgehängt im Elektrobad landen. Wer ein paar Stunden zu spät schlüpft, wird ohnehin weggeschmissen. Die anderen werden über Fließbänder und in Kisten in die Hallen transportiert, in denen sie aufwachsen sollen, werden piepsend herumirren und keine Mutter finden, die ihnen den Weg zu Futter und Wasser zeigt und sie unter ihre wärmenden Flügel nimmt. Sogenannte Hungertote in den ersten Tagen sind an der Tagesordnung, bis die mutterlosen Küken alleine klarkommen.

Daraus folgt natürlich nicht, dass es okay wäre, auch sie gleich in den Häcksler zu werfen. Nur sollten wir uns nicht zu schnell zurücklehnen, falls es gelingen sollte, 30 Millionen Eintagsküken den Tod im Häcksler zu ersparen, denn gut 700 Millionen anderer „Nutztiere“ pro Jahr stürben in Deutschland weiterhin einen gewaltsamen Tod.

Quelle: www.taz.de

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