Die Todesangst von Fluchtkuh Wilma

Wilma geriet in Panik, als sie am Schlachthof ankam…
Es ist wie im richtigen Leben. Plötzlich läuft alles verkehrt. Als Wilma vor einigen Wochen ihrem ersten Kalb das Leben schenkte, wurde es ihr weggenommen. Das ist so, damit die Menschen die Milch bekommen. Als sie gemolken werden sollte, schlug sie aus. Ihr Todesurteil. Der Händler kam und brachte sie zu einem Schlachthof. Sie drehte durch, riss sich los und floh. Und dann gibt es die Momente, wo alles zu glücken scheint. Schutzengel, in Form von Mitarbeitern eines Büros, beobachteten ihre Flucht. Sie meldeten sich bei uns… Ein Kuh-Krimi nahm seinen Lauf.

Hier ein Report von Michael Aufhauser zu den Geschehnissen :


Foto: Wilhelm Kolb
Mitarbeiterinnen eines großen Konzerns beobachteten die Panikflucht einer Kuh vom Schlachthof von ihrem Bürofenster aus. Aber nicht feurige Jagdinstinkte entwickelten sich in ihnen beim Anblick dieses Tieres in Not, sondern Mitleid. Einfach Mitgefühl mit dem, was diese Kuh in diesem Moment erlebt. Von Menschen dieser Art, die sich in andere hineinversetzen können, gibt es leider in der heutigen Zeit immer weniger. Die meisten sind abgelenkt mit sich selbst. Aber hier war es anders. 

Eine Fügung spielte mit und machte diese mitfühlenden Menschen zu Schutzengeln. Sie riefen in unserer Zentrale in Salzburg um Hilfe an. Sonja Großmann notierte den Vorfall und informierte Michael Aufhauser. Aber es war Freitag Nachmittag und was konnte man jetzt noch tun? Die ängstliche Wilma wurde betäubt und in einen Hänger gehievt. Dann wurde sie zurück in den Schlachthof gefahren. Ein Glück für sie, dass sie mit Narkosegift im Leib nicht geschlachtet werden durfte. Sie erhielt eine Schonfrist und wurde in eine mit Stroh eingestreute Box auf dem Schlachthof verbracht.

Michael Aufhauser: Am Montag wurden die Mitarbeiter unserer Verwaltung zu einer Einschulung unseres neuen Computersystems in einen Unterrichtsraum außerhalb der Verwaltung bestellt. Zwei Gutsmitarbeiterinnen und ich selbst übernahmen einen Not-Telefondienst. Als allererstes habe ich mir die Unterlagen der geflohenen Kuh geholt und begann damit, nachzutelefonieren. Kuh Wilma selbst erlebte inzwischen periphär die Geräusche und das Treiben am Schlachthof am Montag Morgen.

Immer neue Tiere in Angst werden dort angeliefert. Ein großes Opfer wird all diesen Tieren abverlangt wenn man bedenkt, dass mehr als 30 Prozent ihres Fleisches von den Konsumenten ungegessen weggeworfen werden.

Ich versuchte, den Leiter des Schlachthofes zu erreichen, kam aber nur auf die Mailbox. Dann rief ich beim zuständigen Veterinäramt an und erreichte den Amtstierarzt. Er kannte Gut Aiderbichl und begann mich darüber aufzuklären, dass es so gut wie unmöglich ist, eine Kuh, die bereits seit Freitag auf dem Schlachthof steht, freizukaufen, denn diese Kuh hatte ihren Gesundheitsstatus in der EU verloren, war bereits schon zu lange von ihrem Heimatstall entfernt worden und befand sich daher im freien Fall.

Doch als ich am Freitag den beiden „Schutzengeln“ Carina und Michaela die Zusage gab, der Fluchtkuh zu helfen, wusste ich, dass es einen einzigen Weg geben würde. Kuh Wilma muss in einen Quarantänestall gebracht werden, der von den Behörden abgenommen werden muss und in dem keine anderen Paarhufer leben. Nach Eintreffen wird Blut genommen und beobachtet. Nur in Schutzanzügen darf man die Kuh versorgen. Ausschließlich Fachkräfte. Das ist nicht leicht, so einen Quarantänestall in der Kürze der Zeit zu finden, meinte der Amtstierarzt. Aber da war wieder eine Fügung. Eine Aiderbichler Fügung. Der Zufall will es, dass wir nur einige Kilomenter vom Schlachthof entfernt drei Pferde zur Pension stehen haben. Also meldete ich mich beim Besitzer dieses Stalles und der willigte ein, dass eine geeignete Box für die Fluchtkuh geräumt und hergerichtet wird. Es gibt überall Aiderbichler, und so gibt es dort Christine. Wenige Minuten nachdem ich mich mit dem Stallbesitzer geeinigt hatte, war sie schon unterwegs, um die Box vorzubereiten.

Dann läutete schon wieder das Telefon. Eine Aiderbichlerin hatte mich direkt an der Leitung. Kurz vor einem Nervenzusammenbruch schilderte sie mir, dass der zweijährige Hengst Anton in wenigen Stunden vom Schlachter abgeholt wird. Was dann geschah, davon berichte ich Ihnen später. Jetzt ging es um Wilma. Also wieder beim Amtstierarzt anrufen. Wir haben es geschafft, die Quarantänestation kann abgenommen werden. „Nur leider, Herr Aufhauser, musste ich das OK geben, dass die Kuh geschlachtet wird, denn das Gift, mit dem sie betäubt wurde, hat sie aus ihrem Körper ausgeschieden.“ Jetzt geriet ich in Panik. Was kann ich noch tun? Wer ist der Besitzer der Kuh? Der Amtstierarzt erklärte mir, dass er nicht befugt ist, mir diese Auskunft zu geben. Ich versprach ihm, ihn gleich wieder anzurufen. Ich versuchte es am Schlachthof. Ließ mich zur Tierannahme verbinden. Ein ruhiger, freundlicher Mann hob das Telefon ab. Ich durfte keine Zeit mehr verlieren und fragte nach dem Besitzer der Fluchtkuh. „Ja, die gehört dem Sepp S.,“ meinte er, und gab mir bereitwillig dessen Handynummer. Oh Gott – Mailbox… das auch noch!

Jetzt hing alles an einem seidenen Faden. Nur der Besitzer des Rindes kann am Schlachthof anrufen und die Order geben: Nicht schlachten! Endlich hob dieser Sepp ab und da kam wieder eine Aiderbichler Fügung ins Spiel: 2009 hatte sich ein geflohenes Jungrind namens Lori unter eine Gruppe Hirsche gemischt und wurde deren Anführerin.

Justament war es Sepp, mit dem ich damals handelseinig wurde, nachdem wir Lori eingefangen hatten. „Grias di Michi, was gibt’s?“ Nach Lori hatte ich auch eine Kuh mit Drillingen von ihm übernommen, und so wusste er, dass es sich bei Gut Aiderbichl um eine Institution handelt, die professionell ist und Wort hält. Es dauerte nur eine Minute, und ich feuerte ihn an, sofort anzurufen, die Schlachtung von Wilma zu stoppen. Ich legte auf und zitterte, endlich läutete das Telefon. Es war die Frau mit dem Hengst…

Jetzt war ich für kurze Zeit belegt und ich würgte das Gespräch so schnell wie möglich ab. Aber immerhin geht es ja bei Anton auch um ein Leben in Not. Dann rief ich wieder Sepp an – Mailbox. Dann mehrere Male – immer Mailbox. Endlich dann Sepp am Apparat: Wilma war gerettet!!!

Also meldete ich meinen Erfolg beim Amtstierarzt und sofort wurde ein Veterinär zur Quarantänebox geschickt, um sie abzunehmen.  Aber etwas gab es noch zu arrangieren: Christian Kögl sprang ins Auto, denn bis zum Schlachthof benötigt er knapp eine Stunde. Rinder, die einmal in Panik geraten sind, können unberechenbar sein und es darf nichts passieren. Christian hat sehr viel Erfahrung beim Verladen und einige Stunden später durfte Wilma für immer dem Schlachthof den Rücken kehren.

Das besonders Erfreuliche und Beglückende: Alle Tiere, deren Leben bisher von den Aiderbichlern gerettet wurde, dürfen bis an ihr natürliches Lebensende auf Gut Aiderbichl ein artgerechtes und glückliches Leben führen. Noch mehr herzerwärmende Berichte und Geschichten über solcherlei wunderbare Tierrettungen findest Du auf http://www.gut-aiderbichl.at

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