Auch Mäuse haben einen freien Willen

wirlygig1

Ein Beitrag von Tierschützerin Siraganda : Auch Mäuse haben einen freien Willen

Ein Jahr in Gesellschaft einer kleinen Maus

Da ich mein Lebensglueck mit vier Katzen teile, kommt mit Anbruch der Winterzeit immer ein kleines grosses Problem auf mich zu – dass naemlich in jener Jahreszeit die Maeuse sich eine warme Heimstatt suchen, unter der alten Stalltuer durchschluepfen, den Innenhof durchrennen und in mein Haus kommen! Diesen lebensgefaehrlichen Parcours durchlaufen sie aber zwischen meinen sehr aufmerksamen Katzen, welche sich nichts entgehen lassen!

So befand ich mich eben in der Kueche, als mein sonst so sanfter Dolce mit einem kleinen Maeuschen zwischen den Zaehnen durch das Schlupfloch einstieg, die anderen drei Katzen direkt hinter ihm und ihn und seine Beute gierig beaeugten! Er grollte drohend und strich, den Bauch nah am Boden, keuz und quer durch die Kueche! Das arme kleine Maeuschen schrie um Hilfe und – ich handelte sofort, denn ich kann kein Lebewesen seinem Schicksal ueberlassen! Ich fasste meinen grollenden Dolce im Nacken und die Maus am Schwanz – und schon hing sie an meiner Hand, indem sie sich halb aufrichtete und mich aus ihren kleinen, fleissigen Aeuglein anguckte.

Nun galt es, keine Zeit zu verlieren! Ich floh aus der Kueche, konnte aber nicht in die Garage, den Stall und den Garten, weil mir die Katzen naemlich hintenrum folgten und bereits an der Garagentuer lauerten! So ging ich denn in die schoene Stube – und liess die Maus frei! Diese war nicht mal sonderlich scheu, wahrscheinlich war sie desorientiert, sie floh nicht gleich, rannte herum und verschwand dann hinter dem Schrank!

Ich ging zurueck in die Kueche, wo mich die Katzten verdutzt anglotzten (und wahrscheinlich dachten, ich haette die Maus gefressen). Ich richtete ein Tellerchen mit Koernern und einem Apfel und ein Tellerchen mit Wasser und ging zurueck in die Stube! Erstaunlicherweise kam die kleine Maus direkt hervor, stuerzte sich auf den Teller und begann zu fressen! Sie nahm ein kleines Stueck Apfel mit und verschwand wieder hinter dem Schrank! Wahrscheinlich war sie wirklich ausgehungert, denn von nun an sollte ich sie nur noch dreimal sehen.

Am naechsten Tag, als ich wieder um die gleiche Zeit in der Kueche war, wiederholte sich die obige Szene noch einmal in fast identischer Weise! Es war wieder der Dolce, der mit einer – diesmal grossen Maus hineinglitt, grollte und die anderen hinter ihm her. Diesmal liess ich mich nicht lange bitten, da ich ja bereits Uebung besass! Ich fasste ihn im Nacken und packte die Maus am Schwanz! Ich sah sofort, dass sie viel groesser war als die von gestern und dachte mir, dies sei entweder das Maennchen oder die Mutter der anderen! Ich ging und setzte sie ebenfalls in die Stube, wo sie sofort verschwand!

Nun kommt der aeusserst interssante Teil der Geschichte, naemlich Maeuse-Psychologie pur!
Schon am naechsten Tag hatte ich begriffen, dass die beiden Tiere einen ganz unterschiedlichen Charakter hatten und sich auf ganz verschiedene Weise bemerkbar machten. Die kleine war sehr sauber und diskret, ging zum Tellerchen, denn es verschwanden laufend kleine Portionen von Nahrung! Die grosse war ueberall und hinterliess ihre (oft unerwuenschten Spuren). Welche von beiden es war, wusste ich ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht, da ich sie nicht sah. Dies erfuhr ich erst, nachdem am dritten Tag die grosse so unvorsichtig war und in einen Hartplastiksack fiel, der per Zufall in einer Ecke der Stube stand. Dort sass sie, ich benutzte die Gelegenheit und entliess sie in die Freiheit hinter der Stalltuer, wo sie blieb und nicht mehr zurueckkehrte.

Die kleine war da schon viel diskreter und – wie ich bald merkte – sehr intelligent, denn von nun an verbrachten wir fast ein Jahr zusammen! Fuer etwa drei Monate blieb sie unsichtbar, holte sich (wahrscheinlich nachts) ihren kleinen taeglichen Anteil aus dem Teller und wurde ueberhaupt nicht wahrgenommen.

Eines Morgens betrat ich die Stube und dachte gar nicht an sie, als ich ploetzlich erschrak, schaute und bei mir dachte: „Was ist denn das fuer ein kleiner Drache, der da auf dem Sessel herumturnt?“ – und schon war sie wieder weg – und zwar so schnell, als ob ein Herbstblatt sich im Winde drehte! Ab diesem Zeitpunkt fing sie an, sich in verschiedener Weise bemerkbar zu machen. Ich sah sie nie, aber sie spazierte im Zimmer herum und machte sich auf sehr interessante Weise zu schaffen.

Auf meinem alten, unbenutzbaren Ofen steht mein Harry Potter-Schachspiel, mit den bekannten magischen Schachfiguren – und auf dem leeren inneren Zwischenbereich der sich gegenueber stehenden Schachparten hatte ich klitzekleine Porzellantierchen postiert – darunter eine kleine weisse Maus (sie sollte Ron Wisley’s Croutard symbolisieren).
Dieses Schachbrett und seine Figuren faszinierten meine Maus, der ich inzwischen den Namen ‚Mimi‘ gegeben hatte. Eines Tages kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus, als ich feststellte, dass sie die kleine Porzellanmaus bewegt hatte, denn diese stand nicht mehr am selben Ort! Das naechste, was geschah, war fuer mich weniger erfreulich, denn Mimi fing an, meine beiden Kunstpflanzen zu benagen, deren Form sie offenbar als Pflanzen erkannte – und ich wusste, dass nun die Zeit nahte, wo es draussen zu gruenen begann und ich sie entlassen musste! So improvisierte ich ihr einen Aufstieg zum Fenster, welches ich nachts offen liess und auf dem Fensterbrett Kuchenstuecke plazierte. Am Morgen waren die Kuchenstuecke verschwunden, aber nach mehreren Tagen musste ich feststellen, dass meine Porzellanmaus wieder ‚einen Spaziergang gemacht hatte‘. Mimi war also noch da, begab sich nachts jeweils aufs aeussere Fensterbrett, ass den Kuchen und wurde gegen Morgen wieder unsichtbar!

Ich dachte, ob es ihr wohl nicht zu hart sei hinter dem Schrank und machte ihr sogar ein kleines Bettchen, das sie aber, wie zu erwarten war, nicht beruehrte! So vergingen wieder einige Monate, wobei sie ihr Geschaeftchen immer am gleichen Ort auf dem Fensterbrett verrichtete und gar nichts verschmutzte. Ich hatte verstanden: sie will bleiben!

Eines Tages kaufte ich wieder einen Kuchen und streute diesmal zusaetzlich von den Kruemeln in ihren Teller, wobei ich nicht schlecht staunte, als sie hinter dem Schrank hervortrippelte und sich direkt am Kuchen zu schaffen machte, vor meinen Augen! Sie liebte diesen Kuchen so sehr, dass sie sogar ihre Scheu vergass und meine Gegenwart ihr vollstaendig egal war! Und hier kam ich auf die Idee, wie ich sie fangen konnte!

Ich rechnete aber nicht mit ihrer, man darf schon sagen Intelligenz, denn sie verstand es blendend, mich haushoch auszutricksen. Zuerst nahm ich den beruehmten Plastiksack, der ja fuer die freche vorlaute Maus sehr schnell zur Falle wurde, stellte ihn auf einen Stuhl, und das ganze dann an die Tischecke, in welche ich eine WC-Rolle legte, ein Stueck Kuchen darin und drei Vierel der Rolle ueber den Tisch hinausragten! Ich dachte naemlich, dass sie in die Rolle schluepfe, um sich den Kuchen zu holen und sie dann anschliessend in der Rolle in den Plastiksack fiel! Da taeuschte ich mich aber gewaltig, denn am Morgen lag die Rolle leer auf dem Tisch, der Kuchen war verschwunden und der Sack war leer.

Dies wiederholte sich mehrere Male, bis ich begriff, dass sie auf diese Weise nicht zu fangen war! Ich ging ins Nachbarsgeschaeft und holte mir nun eine Lebendfalle, welche ich auf dem Tisch installierte – mit einem Stueck Kuchen drin! Am ersten Morgen war die Falle geschlossen und keine Maus zu sehen; am zweiten Morgen war die Falle offen und das Kuchenstueck angefressen. Der restliche Kuchenteil war hinter die Feder gerutscht und ich liess ihn genauso liegen, denn ich dachte: ‚Jetzt denkt sie, dass sie heute Nacht noch den anderen, restlichen Teil des Kuchens holen will, der sich hinter der Feder, welche ja die Falle zuschnappen laesst, befindet‘.

Und so war es: am naechsten Morgen sass meine Mimi in der Falle und sah mich ganz verunsichert an – aber den Kuchen hatte sie trotzdem noch gefressen, denn er war verschwunden. Nun hiess es, von meiner kleinen Mimi Abschied nehmen! Ich ging in den Garten, wo ein grosser warmer Komposthaufen mit vielen aufgehaeuften Aesten lag, oeffnete sie Falle – und sie schluepfte direkt in den schuetzenden Haufen, wo sie blieb und gluecklicherweise fuer sie und mich nicht mehr zurueckkam.

Und die Moral der Geschichte lehrt uns:

1. Maeuse koennen sehr wohl Gegenstaende erkennen, welche nicht aus natuerlichem Material stammen, aber eine bestimmte Form aufweisen

2. Maeuse koennen durch ihren freien Willen entscheiden, ob sie eine Handlung jetzt oder morgen oder zu einem anderen Zeitpunkt durchfuehren wollen

3. und zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass die kleine Mimi waehrend der ganzen Zeit nicht hinter dem Schrank war, sondern auf meinem alten Sessel, wo meine Lieblingsstickereien zusammengerollt lagen! Sie schluepfte in die Rolle, zog aus der innersten Stickerei die Querfaeden raus, immer in etwa der Laenge von 7 Zentimeter und baute sich aus diesen zarten Webfaeden ein rundes, kleines Nest!

Ja – so klever ist eine Maus! Deshalb verdient auch dieses kleine Tier unseren vollen
Respekt, den wir ihr sehr wohl schuldig sind!

Liebe Gruesse von Siraganda

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0 Kommentare zu “Auch Mäuse haben einen freien Willen

  1. Das ist wirklich ein rührende und wunderschöne Geschichte!!!
    Ich liebe Mäuse und ich hätte es auch nicht übers Herz gebracht sie zu töten!
    Lebendfallen sind da wirklich eine klasse Erfindung!
    Schön das deine Katzen von der Mimi nichts mitbekommen haben.
    Hoffentlich lebt die kleine Mimi noch lange und Glücklich in deinem Komposthaufen!
    LG Netty77

  2. Liebe Siraganda und Wolfgang,

    danke Siraganda und auch Wolfgang (für die Gestaltung) dieser wunderbaren Geschichten mit den Mäusen, speziell mit der jungen sehr pfiffigen Maus. Diese Geschichte zeigt, dass man allgemein so ein kleines Tier wie eine Maus oft grob unterschätzt – speziell Menschen, die Tiere nicht oder kaum beachten. Diese Geschichte zeigt auch dass selbst kleinste Tiere eine Würde haben und Respekt verdienen.
    .

    .
    Ich habe mal in einem Beitrag von mir eine Passage über eine Maus gechrieben, die von Isaac Bashevis Singer stammt. Ich bin mir nicht mehr sicher ob Siraganda kritsche Worte über ihn verlor, denke aber, dass man diesen Aussagen von I.B. Singer sicher zustimmen kann.
    Hier diese kleine Passage:

    Aus der Einleitung des Buches:
    „Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka“

    „In Gedanken hielt Herman eine Lobrede auf die Maus, die ein Stück ihres Lebens mit ihm geteilt hatte und seinetwegen aus der Welt geschieden war. „Was wissen sie schon, all diese Gelehrten, diese Philosophen, die Führer der Welt, über dich und deinesgleichen? Sie haben sich eingeredet, der Mensch, der schlimmste Übeltäter unter allen Lebewesen, sei die Krone der Schöpfung. Alle anderen Kreaturen seien nur erschaffen worden, um ihm Nahrung und Pelze zu liefern, um gequält und ausgerottet zu werden. Ihnen gegenüber sind alle Menschen Nazis; für die Tiere ist jeden Tag Treblinka.“

    Isaac Bashevis Singer, (1904-1991) „The Letter Writer“

    http://hubwenzl.blog.de/2010/12/21/tiere-tag-treblinka-10230746/

    Liebe Grüße an Euch beide – Hubert

  3. Lieber Wolodja, lieber Hubert, liebe Freunde,

    es freut mich natuerlich riesig, dass Euch mein Erlebnis mit der kleinen Mimi gefallen hat! Dies haengt mit der Tatsache zusammen, dass ich Tieren (und uebrigens auch Menschen und der Natur gegenueber) sehr aufmerksam durchs Leben gehe. Wenn Euch dieses Erlebnis erfreute, so kann ich meine Erinnerungen jederzeit auffrischen und fuer Euch neu aufleben lassen – da waren sehr viele Tiere in meinem Leben!

    Lieber Hubert, bezueglich Isaac Bashevis Singer glaube ich, dass es sich nicht um ihn handelte, sondern um Peter Singer, dessen teilweise einseitige Ansichten ueber die Empfindungsfaehigkeit der Tiere mir nicht immer gefallen! Natuerlich meint er damit, dass wir uns zuerst um die ‚grossen‘ Tiere wie Grossprimaten, Elefanten usw. kuemmern sollen, weil er offenbar kleinen Tieren nicht die gleiche Empfindsamkeit zuspricht, worin er sich aber taeuscht! Sonst hat auch er schon gute Buecher geschrieben, wie etwa ‚Die Befreiung der Tiere‘, aber manchmal mache ich es halt auch zu meiner Aufgabe, Tierschuetzer zu kritisieren, weil ich denke, dass gesunde Kritik den Tieren nur nuetzen kann! Isaac Bashevis Singer, der Nobelpreistraeger, welcher uebrigens, wenn ich mich nicht taeusche, in zwei Wochen bei uns unter ‚Menschen mit Herz und Verstand‘ vorgestellt werden wird, ist ein Tierrechtler ohne Fehl und Tadel – das muss gesagt sein!

    Ganz liebe Gruesse von Siraganda an Euch alle!

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